Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den Wald hinein. „Dummes Zeug!“ brummte der Referendar Oskar und hatte das unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.

Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.

„Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese Seite!“

Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der wie ein unförmlicher Drache am Boden lag.

„Gut, daß Sie kommen!“ sagte er. „Nehmen Sie doch bitte hier neben mir Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher, interessieren mich.“

„Zuerst,“ fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, „zuerst sagen Sie mir doch um des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.“

„Und mein Papier lesen!“ fügte Lauscher hinzu.

„Ei nun,“ sagte der Alte, „was ist da zu wundern? Man kann alles erraten, wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin Lilia so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.“

„Eben das ist es ja!“ rief wieder der Kandidat. „Woher wissen Sie denn diese Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede unseres Lauscher so auffallend anklingt?“

Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: „Wenn man sich mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt man ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt und verändert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst, deren Vollendungsprozeß übrigens in den letzten Stadien der Läuterung stehen muß —, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher Gestalt und wartet unbewußt auf den Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum, und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen, brach sie in Tränen aus.“