Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen, deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und leidend. Ich grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr leidet wie ich, ihr suchet mit großen Augen die unsichtbaren Gestalten der Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schließet. Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander dächten und alle das Gefühl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde hätten! Ich glaube, wir verständen uns, unsre feinen, rastlosen Nerven wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir könnten uns ohne Worte über viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde Schicksale weinen und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir würden Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir sähen die Fäden, deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über Erdteile und Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an einzelnen Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres Leben weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein nicht tun können.
Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht mich euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen.
Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner alleingelassenen Seele ein Gedanke der Güte aufstiege!
Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter, und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank, das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber und hüllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung und Liebe schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!
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Die siebente Nacht.
Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern — lauter Liebesgeschichten?
Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere, wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche mich mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria, Elise, Lilia — die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte mich. Eleonor! Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen —: Abend, Spätsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in der Spätrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende, tragisch hohen Stils, mit großen Gebärden und in jedem Blick schon unverhüllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus zerspringenden Gläsern in die Nacht.
Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert ist, gelebt zu werden. — Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden! Sie liebten mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in großen gütigen Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und Eine davon verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie nicht mit Umarmungen zu stillen wäre.
Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als den Schmerz oder die Schönheit eines Liedes — es ist ja nur ein Lied! Daß einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und Traum in den Kreis der Sterne erhebt — wie sollten sie es auch verstehen? Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem Fluß der Zeit, und fallen zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder Dichter sein Leben lang, oft halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen einer Beatrice dichtet. Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom trüben Fluß der Tage, schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod — wo sollten wir mit unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge, traurige Auge des Dulders Odysseus hing.