„Ich habe dich für ein Vergehen gestraft, das du nicht gestanden hast. Hast du die Sache dennoch begangen und mich also angelogen, wie soll ich dann noch mit dir reden? Ists anders, dann habe ich dich mit Unrecht geschlagen. In einer Woche, wenn ich wiederkomme, sollte doch einer von uns dem andern verzeihen können.
Dein Vater.“
Den ganzen Tag lief ich beklommen und erregt mit dem Zettel in Haus und Garten herum. Dieses Wort von Mann zu Mann erfüllte mich mit Stolz und Reue und traf mich im Herzen, wie kein anderes Wort es hätte können. Am nächsten Morgen kam ich mit dem Blatt ans Bett meiner Mutter, weinte und fand keine Worte. Darauf ging ich im Hause umher wie nach einer langen Abwesenheit, alles war so alt und neu, war mir wiedergeschenkt und von einem Bann erlöst. Abends saß ich seit langer Zeit zum erstenmal meiner Mutter zu Füßen und hörte sie erzählen wie in den Kleinkinderjahren. Es kam so süß und mütterlich von ihrem Munde, aber was sie erzählte, war kein Märchen. Sie sagte mir von Zeiten, da ich ihr fremd geworden sei, und wie da ihre Angst und Liebe mich begleitete; sie beschämte und beglückte mich mit jedem Wort, und dann redeten wir beide mit Namen der Liebe und Ehrfurcht von meinem Vater und freuten uns mit Sehnsucht auf seine Heimkehr.
Der Tag seiner Zurückkunft war zugleich der letzte Tag vor meinen Sommerferien und vollendete so mein Glück. Nach einer kurzen Unterredung kam der Vater mit mir aus seinem Studierzimmer hervor und führte mich der Mutter zu, indem er sagte:
„Hier hast du unseren Buben wieder, Mama. Er gehört seit heute wieder mir.“
„Mir schon seit einer Woche!“ rief sie lächelnd dagegen, und wir saßen fröhlich zu Tische.
Die mit diesem Tag beginnende Ferienzeit liegt in meinen Schuljahren wie ein umzäunter, grüner Garten. Tage voll Sonne, Abende mit Spiel und Geplauder, Nächte festen Schlafs mit gutem Gewissen! Jeden Abend wanderte mein Vater Hand in Hand mit mir in einen Steinbruch, der eine halbe Stunde weit vor der Stadt lag. Dort bauten wir Häuser und Höhlen, schleuderten Steine nach dem Ziel und hämmerten nach Versteinerungen. Auf dem Rückweg tranken wir Milch und aßen Brot in einem Meierhof und verzichteten darauf stolz auf das mütterliche Abendessen, die Mutter mit allerlei Geheimnissen neckend und uns jedes Meisterwurfes und jedes gefundenen Rötels oder Glitzersteines rühmend. Mein Vater erwies sich als Pfadfinder, Jäger, Scheibenschütz und Erfinder. Halbe Tage wanderten und ruhten wir in Wiesen und an Waldabhängen, ganz mit uns allein, einen Brotlaib in der Tasche, Wege entdeckend und Pflanzen sammelnd, und ich spürte etwas davon, daß mein Vater seine eigene Jugend wieder aufsuchte und sich seiner erfrischten Brust und seiner geröteten Wangen erfreute, denn er war von zarter Gesundheit und wurde viel von Kopfschmerzen und anderen Leiden heimgesucht. Nun wanderten wir wie zwei Knaben miteinander, schnitten Lanzen, ließen Drachen steigen, gruben im Garten und zimmerten im Hofraum allerlei Gerät und Kasten zusammen.
In dieser Zeit etwa begann mein Ohr zu erwachen und meine Phantasie sich mit Melodien zu beschäftigen. Ich liebte es, in Freistunden zum Münster zu gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu hören, der stundenlang dort sich seiner Kunst erfreute. Ich summte und sang auf dem Schulweg, im Garten, sogar im Bette, und prägte mir viele Choräle und Liedermelodien frühe ein.
Und mit neun Jahren, an meinem Geburtstage, schenkten mir die Eltern eine Geige. Von diesem Tage an ist das hellbraune Geiglein auf allen Fahrten mit mir gegangen, viele Jahre lang, und von diesem Tage an hatte ich ein Abseits, eine innere Heimat, eine Zuflucht, wo seither unzählige Erregungen, Freuden und Kümmernisse sich versammelten.
Der Lehrer war mit mir zufrieden. Mein Gehör und Gedächtnis war scharf und peinlich treu, und allmählich zeigte sich im Lauf der Lehrjahre das, was den Geiger macht, der feste, fähige Arm, das freie Gelenk, die ausdauernden, kräftigen Finger.