Abends. Ein dunkler, kühler Tag. Ich lege Tolstois „Auferstehung“ aus der Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll davon, ich mußte darein beißen, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von der trostlos traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drückt mich noch — es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel und zwanzig andern Größen — sehe ich sie, so muß ich den Hut abnehmen, wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer imponierenden seelischen Größe, er hat einmal die Stimme der Wahrheit gehört und folgt ihr nun wie ein Hund und wie ein Märtyrer, durch dick und dünn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so häßlich macht, ist eben das Russische an ihm, dessen Schwere, Düsterkeit, Mangel an Kultur, Mangel an Freude sogar den zarten Turgenjew ungenießbar macht. Die Heiligen Martin und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber bei ihnen ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei Tolstoi dunkel, spröde und niederdrückend. Vielleicht, ich will nicht leugnen, kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben, frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, müssen sie noch hundert Jahre und länger reifen.
Mir träumte einmal, ich wäre mitten in einer großen, sonderbar schweigsamen Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich plötzlich ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an Christus? Während ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein glühendes Auge und seine groben, herausfordernden Züge so unangenehm nahe, daß das Gefühl der Beleidigung sich mir aufdrängte; ich mußte ein eisiges, verächtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die ganze unerwünschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen.
In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des östlichen Barbaren.
Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tage in den hellen Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen.
Basel, 11. April 1900.
Glaubst du an Christus?
Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin saß mit mir in herzlichem Gespräch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene glückliche Stunde; unsre Fragen rührten an alles Wichtige, Ernste, Beglückende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten Fragen gab kein Wort mehr Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes Schweigen, ein Kopfnicken, ein Blick in die Röte des Himmels, ein stummes Deuten auf die sammetblauen Vogesen und den klaren, dunkelgrünen Schwarzwald —, und vor dem Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen des Novalis.
Auf dem Kanapee im großen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein fast vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch täglich lüsterner und sehnsüchtiger werde.
Basel, 15. April 1900.
Diese warmen, grünen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir keine Zeile gereimt, und jetzt — es quillt so weich und ohne Ende, Verse, Verse! Es ist ganz wie es in schönen Anthologien steht: Frühling, junges Grün und Amselgesang, und dem Dichter verhängt ein selig goldener Nebel die Welt. Ich liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im Halbdunkel abends im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind heiß und rot von lauter Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von schlanken, lachenden Worten, nur Takt, nur Reim. Ich weiß dabei wohl, daß diese Verse, wenn noch so gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und weiß, daß ich schon bald an heute und gestern als an etwas Unbegreifliches, Schönes, Vergangenes denken werde, mit Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter hätte das, was ich eben denke, schon mit sehr schönen Versen zu Tode gesungen, und wenn ich mich besinne, so ist es der unangenehme Freund Heine und sind es die Zeilen: