Sie betrachtete ihn prüfend, ohne Antwort zu geben.

„Sie sind ein wunderlicher Mensch,“ sagte sie dann zögernd. „Und wie ist das nun: sind Sie wirklich so, wie Sie da aussahen? Ist Ihnen wirklich alles einerlei, was mit Ihnen geschieht?“

„Ja. Nur nicht immer. Ich habe oft auch Angst. Aber dann kommt es wieder, und die Angst ist fort, und dann ist alles einerlei. Dann ist man stark. Oder vielmehr: einerlei ist nicht das Richtige: alles ist köstlich und willkommen, es sei, was es sei.“

„Einen Augenblick hielt ich es sogar für möglich, daß Sie ein Verbrecher wären.“

„Auch das ist möglich. Es ist sogar wahrscheinlich. Sehen Sie, ein ‚Verbrecher‘, das sagt man so, und man meint damit, daß einer etwas tut, was andre ihm verboten haben. Er selber aber, der Verbrecher, tut ja nur, was in ihm ist. — Sehen Sie, das ist die Ähnlichkeit, die wir beide haben: wir beide tun hier und da, in seltnen Augenblicken, das, was in uns ist. Nichts ist seltener, die meisten Menschen kennen das überhaupt nicht. Auch ich kannte es nicht, ich sagte, dachte, tat, lebte nur Fremdes, nur Gelerntes, nur Gutes und Richtiges, bis es eines Tages damit zu Ende war. Ich konnte nicht mehr, ich mußte fort, das Gute war nimmer gut, das Richtige war nimmer richtig, das Leben war nicht mehr zu ertragen. Aber ich möchte es dennoch ertragen, ich liebe es sogar, obwohl es soviel Qualen bringt.“

„Wollen Sie mir sagen, wie Sie heißen und wer Sie sind?“

„Ich bin der, den Sie vor sich sehen, sonst nichts. Ich habe keinen Namen und keinen Titel und auch keinen Beruf. Ich mußte das alles aufgeben. Mit mir steht es so, daß ich nach einem langen braven und fleißigen Leben eines Tages aus dem Nest gefallen bin, es ist noch nicht lange her, und jetzt muß ich untergehen oder fliegen lernen. Die Welt geht mich nichts mehr an, ich bin jetzt ganz allein.“

Etwas verlegen fragte sie: „Waren Sie in einer Anstalt?“

„Verrückt, meinen Sie? Nein. Obwohl auch das ja möglich wäre.“ Er wurde zerstreut, Gedanken packten ihn von innen. Mit beginnender Unruhe sprach er fort: „Wenn man darüber redet, wird auch das Einfachste gleich kompliziert und unverständlich. Wir sollten gar nicht davon sprechen! — Man tut das ja auch nur, man spricht nur dann darüber, wenn man es nicht verstehen will.“

„Wie meinen Sie das? Ich will wirklich verstehen. Glauben Sie mir! Es interessiert mich sehr.“