Als er das Haus verließ und langsam die Gerbergasse stadteinwärts bummelte, den braunen Filzhut etwas nach hinten gerückt, trat Rothfuß in die Tür und sah ihm nach, wie er leicht und genießerisch dahinging, überall sauber gebürstet und den Regenpfützen sorglich ausweichend.

»Gut hat er’s eigentlich,« dachte der Meister mit einem kleinen Neidgefühl. Und während er zu seinen Gruben ging, dachte er dem Freund und Sonderling nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen, und er wußte nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden heißen. Einer, der arbeitete und sich vorwärts schaffte, hatte es ja in vielem besser, aber er konnte nie so zarte hübsche Hände haben und so leicht und schlank einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er so tat, wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht viele nachtun konnten, wenn er wie ein Kind alle Leute ansprach und für sich gewann, allen Mädchen und Frauen hübsche Sachen sagte, und jeden Tag für einen Sonntag nahm. Man mußte ihn laufen lassen, wie er war, und wenn es ihm schlecht ging und er einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergnügen und eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man mußte fast noch dankbar dafür sein, denn er machte es froh und hell im Haus.

Indessen schritt sein Gast neugierig und vergnügt durchs Städtchen, pfiff einen Soldatenmarsch durch die Zähne und begann ohne Eile die Orte und Menschen aufzusuchen, die er von früher her kannte. Zunächst wandte er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo er einen armen Flickschneider kannte, um den es schade war, daß er nichts als alte Hosen zu stopfen und kaum jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt und in guten Werkstätten gearbeitet. Aber er hatte früh geheiratet und schon ein paar Kinder, und die Frau hatte wenig Genie fürs Hauswesen.

Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand Knulp im dritten Stockwerk eines Hinterhauses in der Vorstadt. Die kleine Werkstätte hing wie ein Vogelnest in den Lüften überm Bodenlosen, denn das Haus stand an der Talseite, und wenn man durch die Fenster senkrecht hinabschaute, hatte man nicht nur die drei Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause floh der Berg mit kümmerlichen steilen Gärten und Grashalden schwindelnd abwärts, endigend in einem grauen Wirrwarr von Hinterhausvorsprüngen, Hühnerhöfen, Ziegen- und Kaninchenställen, und die nächsten Hausdächer, auf die man hinabsah, lagen jenseits dieses verwahrlosten Geländes schon tief und klein im Tale drunten. Dafür war die Schneiderwerkstatt taghell und luftig, und auf seinem breiten Tisch am Fenster hockte der fleißige Schlotterbeck hell und hoch über der Welt wie der Wächter in einem Leuchtturm.

»Servus, Schlotterbeck,« sagte Knulp im Eintreten, und der Meister, vom Licht geblendet, spähte mit eingekniffenen Augen nach der Türe.

»Oha, der Knulp!« rief er aufleuchtend und streckte ihm die Hand entgegen. »Auch wieder im Land? Und wo fehlt’s denn, daß du zu mir herauf steigst?«

Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und setzte sich nieder.

»Gib eine Nadel her und ein bißchen Faden, aber braunen und vom feinsten, ich will Musterung halten.«

Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen Zwirn heraus, fädelte ein und überging mit wachsamen Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr gut und fast neu aussah und an dem er jede blöde Stelle, jede lockere Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit fleißigen Fingern wieder instand setzte.

»Und wie geht’s sonst?« fragte Schlotterbeck. »Die Jahreszeit ist nicht zu loben. Aber schließlich, wenn man gesund ist und keine Familie hat –«