So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich von weitem sah, waren mir ganz wohlbekannt, ich wußte ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher in ein Haus oder in eine Seitengasse und waren fort, und wenn einer näherkam und an mir vorbeiging, verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er vorüber und wieder weiter weg war, meinte ich im Nachsehen, er sei es doch und ich müsse ihn kennen. Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden beieinander stehen, und eine davon, schien mir’s, war sogar meine verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen gehe, kenne ich sie wieder nimmer und höre auch, daß sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich kaum verstehen kann.
Schließlich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der Stadt draußen wäre, sie ist’s und ist’s doch nicht. Doch lief ich immer wieder auf ein bekanntes Haus zu oder einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle auch wieder für Narren hatten. Dabei wurde ich nicht zornig und verdrießlich, sondern nur traurig und voller Angst; ich wollte ein Gebet hersagen und besann mich mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als unnütze, dumme Redensarten ein – zum Beispiel ›Sehr geehrter Herr‹ und ›Unter den obwaltenden Umständen‹ – und die sagte ich verwirrt und traurig vor mich hin.
Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so weiter, bis ich ganz warm und müd war und völlig willenlos immer weiterstolperte. Es war schon Abend, und ich nahm mir vor, den nächsten Menschen nach der Herberge oder nach der Landstraße zu fragen, aber ich konnte keinen anreden, und alle gingen an mir vorbei, wie wenn ich Luft wäre. Bald hätte ich vor Müdigkeit und Verzweiflung geweint.
Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da sah ich unsere alte Gasse vor mir liegen, ein wenig gemodelt und verziert zwar, aber das störte mich jetzt nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein Haus ums andere trotz der Traumschnörkel deutlich wieder, und endlich auch unser altes väterliches Haus. Es war ebenfalls übernatürlich hoch, sonst aber fast ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung lief mir wie ein Grausen den Rücken hinauf.
Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die hat Henriette geheißen. Nur sah sie größer und etwas anders aus als früher, war aber nur noch schöner geworden. Im Näherkommen sah ich sogar, daß ihre Schönheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft erschien, doch merkte ich nun auch, daß sie hellblond war und nicht braun wie die Henriette, und doch war sie es auf und nieder, wenn auch verklärt.
›Henriette!‹ rief ich hinüber und zog den Hut ab, weil sie so fein und herrlich aussah, daß ich nicht wußte, ob sie mich noch werde kennen wollen.
Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen. Aber wie sie mir so ins Auge sieht, mußte ich mich verwundern und schämen, denn es war gar nicht die, für die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die Lisabeth, meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen war.
›Lisabeth!‹ rief ich also jetzt, und streckte ihr die Hand hin.
Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn Gott einen anschauen würde, nicht streng und etwa hochmütig, sondern ganz ruhig und klar, aber so geistig und überlegen, daß ich mir wie ein Hund vorkam. Und sie wurde im Anschauen ernst und traurig, dann schüttelte sie den Kopf wie auf eine vorlaute Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging ins Haus zurück und zog das Tor still hinter sich zu. Ich hörte noch das Schloß einschnappen.
Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor Tränen und Leidwesen kaum aus den Augen sah, war es doch merkwürdig, wie die Stadt sich wieder verwandelt hatte. Es war jetzt nämlich jede Gasse und jedes Haus und alles genau wie in früherer Zeit und das Unwesen ganz verschwunden. Die Giebel waren nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die Leute waren es wirklich und schauten mich froh und verwundert an, wenn sie mich wieder kannten, auch riefen manche mich mit meinem Namen an. Aber ich konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen bleiben. Statt dessen lief ich mit aller Macht den wohlbekannten Weg über die Brücke und vor die Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen vor Herzweh. Ich wußte nicht warum, mir schien nur, es sei hier für mich alles verloren und ich müsse in Schande fortlaufen.