Mißmut
Wenn ich heute an den Optimismus meines ersten Badener Tages zurückdenke, an meine damalige kindliche Hoffnungsfreudigkeit, an mein naives Vertrauen in diese Badekur und gar an die schon mehr frivole, selbstgefällige Einbildung und knabenhafte Eitelkeit, mit der ich damals mich als verhältnismäßig jung und rüstig, als einen hoffnungsvollen Leichtkranken einschätzte; wenn ich mich der ganzen spielerisch leichtsinnigen Stimmung jener ersten Tage erinnere, meines primitiven Negerglaubens an Baden, an die Harmlosigkeit und Heilbarkeit meiner Ischias, an die warmen Quellen, an den Badearzt, an die Diathermie und die Quarzlampe: dann kann ich nur schwer dem Drang widerstehen, mich vor den Spiegel zu stellen und mir selber die Zunge herauszustrecken. Mein Gott, wie sind diese Einbildungen geschwunden, wie sind diese Hoffnungen erloschen, was ist übrig geblieben von jenem aufrechten, elastischen, wohlwollend lächelnden Ankömmling, der an seinem Malakkastock spielend und von sich selbst entzückt die Badestraße hinabtanzte! Wie ein richtiger Affe komme ich mir jetzt vor. Ja, und was ist übrig geblieben von der so optimistischen, glattlackierten, anpassungsbereiten, weltmännischen Philosophie, mit der ich damals spielte und mich zierte wie mit meinem Malakkastock!
Zwar dieser Spazierstock ist noch unverändert. Noch gestern habe ich das Anerbieten des Bademeisters, einen jener verfluchten Gummizapfen über das Ende meines hübschen Stockes zu stülpen, mit Entrüstung zurückgewiesen. Aber wer weiß, ob ich dies Anerbieten, wenn es morgen wiederholt wird, nicht annehme?
Ich habe scheußliche Schmerzen, und nicht bloß beim Gehen, sondern auch beim Sitzen, so daß ich seit vorgestern fast immer liege. Wenn ich morgens aus meinem Bade steige, so machen die zwei kleinen Steinstufen mir schwere Arbeit, keuchend und schwitzend ziehe ich mich am Geländer empor, habe kaum mehr die Kraft, das Badetuch um mich zu schlagen, und sinke dann für eine Weile im Stuhl zusammen. Das Anziehen der Hausschuhe, des Schlafrockes ist eine verhaßte schwere Pflicht, der Weg bis zum Schwefelbrunnen und später vom Brunnen zum Lift, vom Lift ins Schlafzimmer ist eine scheußlich mühsame, endlose, schmerzhafte Reise. Ich benütze bei dieser Morgenreise alle denkbaren Hilfsmittel, halte mich am Badewärter, am Türpfosten, an jeder Brüstung fest, taste mich den Wänden nach und bewege Beine und Rücken ohne jede ästhetische Rücksicht in jener schwerfällig-traurigen, idiotenhaft-häßlichen, halb schwimmenden Manier, die ich einstmals (o wie unsäglich lange ist das her!) mit humorvollem Mitleid an jener alten Dame beobachtete, die ich mit einer Seelöwin vergleichen zu müssen meinte. Wenn jemals ein frivoles Witzwort strafend auf des Spötters Haupt zurückfiel, so ist es hier geschehen.
Morgens, wenn ich auf dem Bettrand sitze und mich vor der qualvollen Aufgabe scheue, mich zu meinen Schuhen niederzubücken, oder wenn ich nach dem Bade, todmüde, halbschlummernd auf dem Stuhl in der Badezelle hänge, dann sagt mir die Erinnerung, daß es noch vor kurzem, noch vor wenigen Wochen Morgen gegeben hat, an denen ich, kaum dem Bett entschlüpft, kraftvoll und genau meine Atemübungen vornahm, den Brustkorb dehnte, den Bauch zum Riemen einzog, den gestauten Atem beherrscht und rhythmisch wie aus einer Oboe entströmen ließ. Es muß wahr sein, aber schon kann ich nicht mehr recht daran glauben, daß ich einst mit straffgestreckten Beinen und durchgedrückten Knien auf federnden Zehen zu stehen, daß ich tiefe langsame Kniebeugen und alle jene andern hübschen Turnstücke auszuführen vermochte!
Allerdings hat man mir gleich beim Beginn der Kur gesagt, daß möglicherweise solche Reaktionen eintreten könnten, daß die Bäder sehr ermüden und daß bei manchen Patienten vorerst die Schmerzen sich in der Kur noch steigern. Nun ja, ich hatte dazu genickt. Aber daß diese Ermüdung so jämmerlich, die Zunahme der Schmerzen so heftig und niederdrückend sein könnte, hatte ich nicht geahnt. Ich bin in acht Tagen ein alter Mann geworden, der in Haus und Garten da und dort auf den Bänken herumsitzt und jedesmal Mühe hat, wieder hochzukommen, der keine Treppen mehr steigt und dem der Liftboy beim Ein- und Aussteigen behilflich sein muß.
Auch von außen her kam allerlei Enttäuschendes. In Zürich, ein paar Meter von hier, sitzen mehrere nahe Freunde von mir, und sie wissen, daß ich krank und hier zur Kur bin, zwei von ihnen haben mir ihren Besuch sogar geradezu versprochen, als ich sie auf der Durchreise besuchte. Gekommen aber ist keiner, und natürlich wird auch keiner kommen; daß ich mich darauf verließ und freute, war wieder eine meiner nicht auszurottenden Infantilitäten. Nein, sie kommen natürlich nicht, ich weiß ja doch, wie viel sie zu tun haben, alle diese armen und geplagten Menschen, und wie spät sie oft ins Bett kommen, nach dem Theater, dem Restaurant, der Einladung; es war dumm von mir, daran nicht zu denken und ganz wie ein kleines Kind ohne weiteres zu erwarten, die Leute würden sich ein Vergnügen daraus machen, mir, einem kranken und langweiligen Menschen, Besuche zu machen. Aber immer setze ich das Ungeheuerste voraus, erwarte das Überschwänglichste; kaum kenne ich jemand und finde ihn sympathisch, so traue ich ihm schon auch das Allerbeste zu, ja, fordere es von ihm und bin entzaubert und betrübt, wenn es nicht stimmt. So ging es mir auch mit der ziemlich hübschen und jungen Dame im Hotel, mit der ich mich einige Male unterhalten habe und die mir recht gut gefiel. Nachdem sie mir als ihre Lieblingsbücher einige schlechte Unterhaltungsromane genannt hatte, war ich zwar einen Moment erschrocken, sagte mir aber alsbald, daß ich, der Fachmann und Kenner in literarischen Dingen, kein Recht habe, auf diesem Gebiet auch bei anderen Urteil und Verständnis vorauszusetzen. Ich schluckte jene Büchertitel, strafte mich selbst und traute weiterhin der Dame das Beste und Edelste zu. Und nun hat sie gestern abend im Salon drüben diesen Mord begangen! Sie, eine angenehme, heitere und sogar hübsche Dame, eine Frau, die in meiner Gegenwart sicher kein Kind prügeln und kein Tier quälen würde, hat in meiner Gegenwart, mit heiterer Stirn und unschuldigen Augen, am Klavier eine liebenswürdige Menuett aus dem achtzehnten Jahrhundert mit ungeübten, aber kräftigen Händen vergewaltigt und totgeschlagen! Ich war ganz entsetzt und traurig und rot vor Scham, aber es fiel niemandem auf, daß da etwas Schlimmes geschehen war, ich saß mit meinen törichten Gefühlen allein. O wie sehnte ich mich nach meiner Einsamkeit, nach meiner Höhle, die ich nie hätte verlassen sollen, wo es zwar Leiden und Nöte genug gibt, aber keine Klaviere, keine literarischen Gespräche, keine gebildeten Nebenmenschen!
Und die ganze Kur, das ganze Baden ist mir so scheußlich zuwider geworden. Von den Gästen unsres Hotels sind, wie ich weiß, die allermeisten nicht zum erstenmal in Baden, viele besuchen das Bad zum sechsten-, zum zehntenmal, und nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird es mir gehen wie ihnen, wie allen Stoffwechselkranken, daß nämlich das Leiden von Jahr zu Jahr fataler wird und daß die Hoffnung auf Heilung der bescheideneren Hoffnung weicht, durch solche Kuren wenigstens alljährlich für eine Weile etwas Erleichterung zu finden. Der Arzt zwar bleibt fest bei seinen Versicherungen, aber das ist ja sein Beruf, und daß wir Patienten äußerlich gut aussehen und den Eindruck gedeihlichsten Wohlergehens machen, dafür sorgt materiell das üppige Essen und koloristisch die Quarzlampe, die uns auf das dekorativste bräunt, so daß wir aussehen wie Leute, die soeben blühend vom Hochgebirge zurückkehren.
Dabei verkommt man auch moralisch in dieser faulen und erschlaffenden Badeatmosphäre. Meine paar guten spartanischen Gewohnheiten, die ich mir in Jahren anerzogen, das Atmen und Turnen, das Vorliebnehmen mit magerer Kost, sind mir verloren gegangen, übrigens unter direkter Unterstützung des Arztes; auch meine anfängliche Beobachtungs- und Arbeitslust ist fast ganz verschwunden. Nicht daß es um diese Psychologia Balnearia schade wäre – im Gegenteil, sie war von Anfang an ja nicht ein Opus, kein zielbewußter Gestaltungsversuch, sondern eben eine Beschäftigung, eine kleine tägliche Übung für Auge und Handgelenk. Aber auch darüber wird die Trägheit Herr, ich brauche wenig Tinte mehr. Wäre der Sieg über den Holländer nicht, der mir auch schon unverhältnismäßig schwer fiel, so müßte ich geradezu eine Verluderung und Versumpfung feststellen. Und in manchen Punkten muß ich dies wirklich. Vor allem hat sich meiner eine Trägheit, eine mißgelaunte Faulheit bemächtigt, die mich von allem Guten und Nützlichen abhält, namentlich von jeder noch so geringen körperlichen Anstrengung. Kaum zum kleinsten Spaziergang kann ich mich bringen, nach Tische liege ich, ebenso wie nach den Bädern und Behandlungen, stundenlang auf dem Bett oder im Liegestuhl, und wie es geistig mit mir steht, das werde ich später deutlich ablesen können, wenn ich diese albernen Aufzeichnungen, mit denen ich mich aus einem Rest von Pflichtgefühl noch je und je eine Stunde lang plage, einmal wieder lesen werde. Ich bestehe ganz und gar nur noch aus Trägheit, aus matter Langeweile, fauler Schlafsucht.
Ein noch beschämenderes Bekenntnis bleibt mir nicht erspart. Daß ich nichts arbeiten, nicht denken, kaum lesen mag, daß ich seelisch und leiblich jede Frische und Energie verloren habe, wäre schlimm genug, aber es kommt noch immer ärger. Ich habe angefangen, mich gerade der oberflächlichen und verdummenden, der öden und lasterhaften Seite dieses trägen Kurgastlebens hinzugeben. Ich esse zum Beispiel mittags all die guten fetten Bissen nicht mehr bloß so mit, spaßeshalber und mit innerer Überlegenheit oder mindestens Ironie, wie ich es zu Anfang tat – nein, ich esse, ich fresse, obwohl ich längst nicht mehr weiß, was Hunger ist, diese feinen langen Menus täglich zweimal herunter mit der unbeherrschten, dummen Völlerei des gelangweilten Menschen, des fetten, lieblosen Bourgeois, ich trinke zum Abendessen meistens auch etwas Wein, und vor dem Schlafengehen habe ich mir ein Fläschchen Bier angewöhnt, etwas, was ich seit bald zwanzig Jahren nicht mehr getrunken hatte. Ich nahm es anfangs als Schlafmittel, weil es mir empfohlen wurde, trinke es nun aber seit Tagen rein aus Gewohnheit und Völlerei. Es ist nicht zu glauben, wie schnell man das Schlechte und Dumme lernen kann, wie leicht es ist, ein Hund von Faulenzer, ein Schwein von fettem Genießer zu werden!