So wenig meisterlich der Vers uns auch erscheinen möge, er war klassisch im Vergleich mit der Abbildung, die er begleitete. Ein junges Mädchen, dessen Kopf offensichtlich vom Wachsmodell eines Friseurladens entlehnt war, saß auf einer Bank unter Bäumen, und ein junger Herr in sehr gutem Anzug stand vor ihr, damit beschäftigt, seine Glacéhandschuhe an- oder auszuziehen.
Vor diesen Bildern stand ich denn auch heute wieder eine Weile, und da ich dabei Öde und Langeweile empfand und ein heftig brennendes Verlangen, diese ganze, an sich so schätzenswerte Welt der Konzerte, der Spieler, der korrekten Brautpaare und der Rüblibilder hinter mich zu bringen, schloß ich die Augen und flehte im Herzen Gott um Rettung an, denn wie ich fühlte, war ich nicht weit von einem Anfall tiefer Enttäuschtheit und faden Lebensekels entfernt, welche Anfälle mich zu meinem Jammer immer dann überraschen, wenn ich eben gutgewillt und ernsthaft den Versuch mache, mein Eremiten- und Sonderlingtum abzustreifen und Glück und Leid der Majorität zu teilen.
Und Gott half mir. Kaum hatte ich die Augen zugetan und mein Herz von der Kur- und Rübliwelt abgewandt, voll inniger Sehnsucht nach einem Gruß und Klang aus anderen, mir vertrauteren, mir heiligeren Sphären, da kam mir der erlösende Einfall. Es gab nämlich in unserem Hotel eine entlegene, nicht allen Gästen bekannte Ecke, wo unser Wirt, der viele solche liebenswerte Züge hat, zwei gefangene junge Marder in einem Drahtgefängnis von humanem Umfange hält. Nach den Mardern zu sehen, fühlte ich plötzlich ein Gelüste, gab blindlings nach, lief ins Hotel zurück und suchte das Verlies der Tiere auf. Kaum war ich bei ihnen, so war alles gut, ich hatte genau das gefunden, was ich in diesem kritischen Augenblick brauchte. Die beiden edlen, schönen Tiere, zutraulich und neugierig wie Kinder, ließen sich leicht aus ihrem Schlafloche locken, rannten, von der eigenen Kraft und Gelenkigkeit berauscht, in tollen Sprüngen durch den weiten Käfig, machten wieder am Gitter bei mir halt, atmeten heftig mit rosigen Schnauzen und schnoberten feuchtwarm an meiner Hand. Mehr hatte ich nicht gebraucht. In diese klaren Tieraugen zu blicken, diese herrlichen bepelzten Meisterwerke und Gottesgedanken zu sehen, ihren warmen lebendigen Atem zu fühlen, ihren scharfen wilden Raubtiergeruch zu riechen, das genügte, um mich vom unversehrten Vorhandensein aller Planeten und Fixsterne, aller Palmenwälder und Urwaldflüsse beruhigend zu überzeugen. Die Marder waren mir Gewähr für das, wofür ja der Anblick jeder Wolke, jedes grünen Blattes Gewähr genug hätte sein sollen; aber ich hatte eben dieser stärkeren Beweise bedurft.
Die Marder waren stärker als die Ansichtskarten, als das Konzert, als der Spielsaal. Solang es noch Marder gab, noch Duft der Urwelt, noch Instinkt und Natur, solange war für einen Dichter die Welt noch möglich, noch schön und verheißungsvoll. Aufatmend fühlte ich den Alpdruck schwinden, lachte mich selber aus, holte für die Marder ein Stück Zucker und schlenderte befreit in den Abend hinaus. Die Sonne stand schon dicht am Rand der Waldberge, von leichtem goldnem Gewölk durchwehtes Blau strahlte hell und kindlich über das Tal meiner Irrungen, lächelnd fühlte ich meine gute Stunde kommen, dachte an meine Geliebte, spielte mit entstehenden Versen, spürte Musik, spürte Glück und Andacht durch die Welt wehen, warf anbetend alle Last des Tages von mir und schwang mich, Vogel, Falter, Fisch, Wolke, hinüber in die frohe, vergängliche, kinderhafte Welt der Gestaltungen.
Von diesem Abend, an dem ich spät, müde und glücklich heimkehrte, will ich hier nicht berichten. Meine ganze Ischiatiker-Philosophie möchte mir dabei aus dem Leime gehen. Glücklich, müde und singend kam ich nachts zurück, und siehe, auch der Schlaf floh mich heute nicht, auch er, der so scheue Vogel, kam vertraulich und nahm mich auf blauem Flügel ins Paradies.
Der Holländer
Lange habe ich mich darum gedrückt, dies Kapitel zu schreiben. Nun muß es sein.
Als ich vor vierzehn Tagen mit Vorsicht und Sorgfalt mein Hotelzimmer Nummer 65 aussuchte, hatte ich im ganzen keine schlechte Wahl getroffen. Das Zimmer, hell und freundlich tapeziert, hat einen Alkoven, in dem das Bett steht, und erfreute mich durch seinen nicht alltäglichen, originellen Grundriß, es hat ein schönes Licht und etwas Aussicht auf Fluß und Weinberge. Ferner liegt es zuhöchst im Hause, es wohnt also niemand über mir, und von der Straße her sind kaum Störungen möglich. Ich hatte gut gewählt. Ich hatte damals auch nach den Zimmernachbarn gefragt und beruhigende Auskunft erhalten. Auf der einen Seite wohnte eine alte Dame, von der ich in der Tat nie etwas hörte. Auf der andern Seite, in Nummer 64, aber wohnte der Holländer! Im Lauf von zwölf Tagen, im Lauf von zwölf bitteren Nächten ist mir dieser Herr überaus wichtig geworden, ach allzu wichtig, er ist eine mythische Figur, ein Götze, ein Dämon und Gespenst für mich geworden, das ich erst vor wenigen Tagen besiegt habe.
Niemand, dem ich ihn zeigen würde, würde es mir glauben. Dieser Herr aus Holland, der mich seit so vielen Tagen am Arbeiten, seit so vielen Nächten am Schlafen gehindert hat, ist weder ein tollwütiger Berserker noch ein enthusiastischer Musiker, weder kommt er zu unerwarteten Zeiten betrunken nach Hause noch schlägt er seine Frau oder schimpft mit ihr, er pfeift und singt nicht, ja er schnarcht nicht einmal, wenigstens nicht so laut, daß es mich störte. Er ist ein solider, gesitteter, nicht mehr junger Mann, lebt regelmäßig wie eine Uhr und hat keinerlei auffallende Untugenden – wie ist es möglich, daß dieser ideale Bürger mich so leiden machte?
Es ist möglich, es ist leider Tatsache. Die beiden Hauptpunkte, die Grundpfeiler meines Unglücks, sind diese: zwischen den Zimmern Nummer 64 und 65 ist eine Tür, eine zwar verriegelte und mit einem Tisch verstellte, aber keineswegs dichte Tür. Dies ist das eine Unglück, es läßt sich nicht beheben. Das zweite, schlimmere: Der Holländer hat eine Frau. Auch sie ist mit erlaubten Mitteln nicht aus der Welt oder doch aus Nummer 64 zu bringen. Und dann habe ich noch das ungewöhnliche Pech, daß meine Nachbarn, gerade wie ich selber, zu den verhältnismäßig seltenen Hotelgästen gehören, die den größern Teil ihres Tages auf ihren Zimmern zubringen.