„Ich weiß nicht,“ sagte der Jüngling. „Vielleicht, weil ich Leid erfahren habe.“
„Was für Leid hast du denn erfahren?“
„Mein Freund und mein Lieblingsroß sind beide umgekommen.“
„Ist denn Sterben so schlimm?“ fragte der Vogel höhnend.
„Ach nein, großer Vogel, es ist nicht so schlimm, es ist nur ein Abschied, aber nicht darüber bin ich traurig. Schlimm ist, daß wir meinen Freund und mein schönes Pferd nicht begraben können, weil wir gar keine Blumen mehr haben.“
„Es gibt Schlimmeres als dies,“ sagte der Vogel, und seine Flügel rauschten unwillig.
„Nein, Vogel, Schlimmeres gibt es gewiß nicht. Wer ohne Blumenopfer begraben wird, dem ist es verwehrt, nach seines Herzens Wunsche wiedergeboren zu werden. Und wer seine Toten begräbt und feiert nicht das Blumenfest dazu, der sieht die Schatten seiner Gestorbenen im Traum. Du siehst, schon kann ich nicht mehr schlafen, weil meine Toten noch ohne Blumen sind.“
Der Vogel schnarrte kreischend mit dem gebogenen Schnabel.
„Junger Knabe, du weißt nichts von Leid, wenn du sonst nichts erfahren hast als dieses. Hast du denn nie von den großen Übeln reden hören? Vom Haß, vom Mord, von der Eifersucht?“
Der Jüngling, da er diese Worte aussprechen hörte, glaubte zu träumen. Dann besann er sich und sagte bescheiden: „Wohl, du Vogel, ich erinnere mich; davon steht in den alten Geschichten und Märchen geschrieben. Aber das ist ja außerhalb der Wirklichkeit, oder vielleicht war es einmal vor langen Zeiten so auf der Welt, als es noch keine Blumen und noch keine guten Götter gab. Wer wird daran denken!“