Und nun war das Schlimmste doch geschehen. Sie hatte über das Kind mit ihm nie ernstlich reden können, und was hätte sie ihm auch sagen sollen? Er sah ja nicht ins Wesen hinein. Er war überzeugt, der Kleine habe von der Mutter die braunen Augen und alles andere von ihm. Und sie wußte seit Jahren jeden Tag, daß das Kind die Seele von ihr habe, und daß in dieser Seele etwas lebe, was dem väterlichen Geist und Wesen widersprach, unbewußt und mit unverstandenem Schmerze widersprach. Gewiß, er hatte viel vom Vater, er war ihm fast in allem ähnlich. Aber den innersten Nerv, dasjenige, was eines Menschen wahres Wesen ausmacht und geheimnisvoll seine Geschicke schafft, diesen feinen, schönen Lebensfunken hatte das Kind von ihr, und wer in den innersten Spiegel seines Herzens hätte sehen können, in die leise wogende, zarte Quelle des Persönlichsten und Eigensten, hätte dort die Seele der Mutter gespiegelt gefunden.

Behutsam stand Frau Kömpff auf und trat ans Bett, sie bückte sich zu dem Schlafenden und sah ihn an mit halbem Bewußtsein, daß sein Gesicht zum letzten Mal unentstellt das alte sei, das sie so lang gekannt hatte. Sie hatte es lieb, wenn es auch nicht schön war. Sie wünschte sich noch einen Tag, noch ein paar gute Stunden für ihn, um ihn noch einmal recht zu sehen. Er hatte sie nie ganz verstanden, aber ohne seine Schuld, und eben die Beschränktheit seiner kräftigen und klaren Natur, die auch ohne inneres Verstehen sich ihr so oft gefügt hatte, erschien ihr liebenswert und ritterlich. Überschaut hatte sie ihn schon in der Brautzeit, damals nicht ohne einen feinen Schmerz. Aber er war ihr in herzlicher und mannhafter Liebe entgegengekommen, und so fein und überlegen sie war, hatte sie nicht gezögert, mit ihm zu gehen. Es hatte ihr besser geschienen, sich einem echten und treuen Liebhaber anzuvertrauen, als auf den Auserlesenen, Unwahrscheinlichen zu warten, dem sie auch ihr Innerstes hätte zeigen und hingeben können; und sie hatte recht gehabt.

Später war der Mann in seinen Geschäften und unter seinen Kameraden freilich um ein weniges derber, gewöhnlicher und spießbürgerlich beschränkter geworden, als ihr lieb war, aber der Grund seiner ehrenhaft festen Natur war doch geblieben, und sie hatten ein gutes und tüchtiges Leben miteinander geführt, an dem nichts zu bereuen war. Nur hatte sie gedacht, den Knaben unmerklich seine Wege gehen zu lassen und es so zu leiten, daß er frei bleibe und seiner eingeborenen Art unbehindert folgen könne. Und jetzt ging ihr vielleicht mit dem Vater auch das Kind verloren.

Der Kranke konnte bis spät in die Nacht hinein schlafen. Dann erwachte er mit Schmerzen, und gegen den Morgen hin war es deutlich zu sehen, daß er abnahm und die letzten Kräfte rasch verlor. Doch gab es dazwischen noch einen Augenblick, wo er ruhig und klar zu reden vermochte. Die Nachtlampe brannte schwach und rot hinter der Bettstatt, vor den Fenstern war es noch nächtig und im Hause alles still. Die Frau ruhte angekleidet im niederen Liegesessel und war durch ihren leisen Schlummer hindurch beständig gegenwärtig und aufmerksam. Dann begann er zu reden.

„Du,“ sagte er. „Du hast doch gehört, daß er es mir versprochen hat?“

„Ja, freilich. Er hat es versprochen.“

„Dann kann ich darüber ganz ruhig sein?“

„Ja, das kannst du.“

„Das ist gut. — Du, Kornelie, bist du mir böse?“