Es kam nun eine lange Reihe von stillen Jahren. Herr Kömpff merkte allmählich, daß die ehrenvolle Aufnahme, die er in der Heimatstadt gefunden hatte, zu einem Teil auch seinem ledigen Stande galt. Daß er trotz vielen Verlockungen älter und älter wurde, ohne zu heiraten, war — wie er selbst mit schlechtem Gewissen fühlte — ein entschiedener Abfall von den hergebrachten Regeln der Stadt und des Hauses. Doch vermochte er nichts dawider zu tun. Auch nachdem der Schmerz um jene frühere Liebe still geworden und eingeschlafen war, ging es nicht besser. Denn nun ergriff ihn mehr und mehr eine peinliche Scheu vor allen wichtigen Entschlüssen. Er mußte fast lachen, wenn er bedachte, daß er eigentlich nun heiraten sollte. Er hatte zu sorgen genug, wie sollte er auch noch ein Familienherr und Vater werden mögen! Wie hätte er seine Frau und gar die Kinder behandeln sollen, er, der sich selber oft wie ein Knabe vorkam mit seiner Herzensunruhe und seinem mangelnden Zutrauen zu sich selber? Manchmal, wenn er am Stammtisch in der Honoratiorenstube seine Altersgenossen sah, wie sie auftraten und sich selber und einer den andern ernst nahmen, wollte es ihn wundern, ob diese wirklich alle in ihrem Innern sich so sicher und männlich gefestigt vorkamen, wie es den Anschein hatte. Und wenn das war, warum nahmen sie ihn dann ernst und warum merkten sie nicht, daß es mit ihm ganz anders stand?
Solche Fragen kamen ihm zuweilen. Aber es dachte kein Mensch daran, ihn etwa nicht für voll zu nehmen und seinem bürgerlich biederen Aussehen und Auftreten irgend zu mißtrauen. Und doch war er in vielem geradezu ein Kind. Obwohl vielleicht in sechs, acht Jahren man ihn gewiß in den Gemeinderat wählen würde, schien ihm das doch unmöglich und lächerlich und kam ihm diese Ehre immer ebenso seltsam, großartig und entlegen vor wie damals, als er noch in die Schule ging und mit Ehrerbietung und Erstaunen davon reden hörte, sein Vater käme vielleicht das nächste Jahr in den Gemeinderat — lieber Gott! Sie hätten ihn ebensogut zum Papst machen können. Es schien ihm, als spielten alle Leute Komödie.
So hätte er das seltsame Schauspiel eines geachteten, wohlhabenden Bürgers gewährt, dem auf der Welt nichts mangelt als die Hauptsache, nämlich das Zutrauen zu sich selber. Doch sah das niemand, kein Kunde im Laden und kein Kollege und Kamerad auf dem Markt oder beim Schoppen, außer der Mutter. Diese mußte ihn freilich genau kennen, denn bei ihr saß das große Kind immer wieder, klagend, Rat haltend und fragend, und sie beruhigte ihn und beherrschte ihn, ohne es zu wollen. Die Holderlies aber nahm bescheiden daran teil. Die drei merkwürdigen Leute, wenn sie abends beisammen waren, sprachen ungewöhnliche Dinge miteinander. Sein immerfort unruhiges Gewissen trieb den Kaufmann auf neue und wieder neue Fragen und Gedanken, über die man zu Rate saß und aus der Erfahrung und aus der Bibel Aufschlüsse suchte und Anmerkungen machte. Der Mittelpunkt aller Fragen war der Übelstand, daß Herr Kömpff nicht glücklich war und es gern gewesen wäre.
Ja, wenn er eben geheiratet hätte, meinte die Lies seufzend. O nein, bewies aber der Herr, wenn er geheiratet hätte, wäre es eher noch schlimmer; er wußte viele Gründe dafür. Aber wenn er etwa studiert hätte, oder er wäre Schreiber oder ein Handwerker geworden. Da wäre es so und so gegangen. Und der Herr bewies, daß er dann wahrscheinlich erst recht im Pech wäre. Man probierte es mit dem Schreiner, Schullehrer, Pfarrer, Arzt, aber es kam auch nichts dabei heraus.
„Und wenn es auch vielleicht ganz gut gewesen wäre,“ schloß er traurig, „es ist ja doch alles anders und ich bin Kaufmann wie der Vater.“
Zuweilen erzählte Frau Kornelie vom Vater. Davon hörte er immer gern. ‚Ja, wenn ich ein Mann wäre, wie der einer gewesen ist!‘ dachte er dabei und sagte es auch bisweilen. Darauf lasen sie ein Bibelkapitel oder auch irgend eine Geschichte, die man aus der Bürgervereinsbibliothek da hatte. Und die Mutter zog Schlüsse aus dem Gelesenen und sagte: „Man sieht, die wenigsten Leute treffen es im Leben gerade so, wie es gut für sie wäre. Es muß jeder genug durchmachen und leiden, auch wenn man’s ihm nicht ansieht. Der liebe Gott wird es schon wissen, zu was es gut ist, und einstweilen muß man es eben auf sich nehmen und Geduld haben.“
Dazwischen trieb Walter Kömpff seinen Handel, rechnete und schrieb Briefe, erschien als ruhiger Gast an den regelmäßigen Wochenabenden, machte da und dort einen Besuch und ging in die Kirche, alles pünktlich und ordentlich, wie es das Herkommen erforderte. Im Lauf der Jahre schläferte ihn das auch ein wenig ein, doch niemals ganz; in seinem Gesicht stand immer etwas, das einem verwunderten und bekümmerten Sichbesinnen ähnlich sah.
Seiner Mutter war anfangs dies Wesen ein wenig beängstigend. Sie hatte gedacht, er würde vielleicht noch weniger zufrieden, aber mannhafter und entschiedener werden. Dafür rührte sie wieder die gläubige Zuversicht, mit der er an ihr hing und nicht müde wurde, alles mit ihr zu teilen und gemeinsam zu haben. Und wie die Zeiten dahinliefen und alles im Gleichen blieb, gewöhnte sie sich völlig daran und fand nicht viel Besonderes und Beunruhigendes mehr an seinem bekümmerten und ziellosen Wesen.
So stand es und so blieb es. Walter Kömpff war nun nahe an vierzig und hatte nicht geheiratet und sich wenig verändert. In der Stadt ließ man sein etwas zurückgezogenes Leben als eine Junggesellenschrulle hingehen und wußte glücklicherweise nicht, wie eigentümlich es in der großen Vorderstube seines Hauses an den stillen Abenden aussah, an denen er mit den beiden alten Frauen seine ernsten Beratungen hielt und auf die Mutter hörte wie ein Zehnjähriger. Daß in dies resignierte Leben noch eine Änderung kommen könnte, hatte er nie gedacht.
Sie kam aber plötzlich, indem Frau Kornelie, deren langsames Altern man kaum bemerkt hatte, auf einem kurzen Krankenlager vollends ganz weiß wurde, sich wieder aufraffte und wieder erkrankte, um nun schnell und still zu sterben. Am Totenbette, von dem der Herr Stadtpfarrer eben weggegangen war, standen der Sohn und die alte Magd.