Er schloß auf und ließ sie hereinkommen. Sie kniete ans Bett und sah die Tote an und rückte ihr die Tücher zurecht. Dann stand sie auf und sah nach dem Herrn und besann sich, wie sie ihn anreden solle. Aber wie sie ihn ansah, kannte sie ihn kaum wieder. Er war blaß und hatte ein schmales Gesicht und machte große merkwürdige Augen, als wollte er einen durch und durch schauen, was sonst gar nicht in seiner Art war.
„Sie sind gewiß nicht wohl, Herr —“
„Ich bin ganz wohl. Wir können ja jetzt Kaffee trinken.“
Das taten sie, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Aber der Lies schien es durchaus nötig, daß das große Unglück auch beredet werde, schon weil es ihr mißfiel und gefährlich vorkam, daß ihr Herr seinen ganzen Schmerz und Schrecken in sich verschloß. Also fing sie nach einigem Warten wieder an:
„Unsere liebe, arme Frau! Ja, Herr Kömpff, das ist ein schwerer Schlag für uns.“
Sie sagte erst seit gestern „Herr Kömpff“ zu ihm, bisher hatte er für sie „Herr Walter“ geheißen.
Er gab keine Antwort.
„Lieber Gott,“ fing sie nochmals an, „und so schnell ist es gegangen, kein Mensch hat daran gedacht. Es ist ja gut für sie. Wenn sie auch noch lang hätte leiden müssen! Aber für uns ist es doch schrecklich traurig.“
„Ja, Lies.“
„Nicht wahr? Und sie war auch noch gar nicht so besonders alt. Du liebe Zeit, vierundsechzig! Das ist doch noch lang kein hohes Alter, Herr Kömpff.“