„Aber neulich habt Ihr gesagt, Ihr wäret vierundsechzig, nicht siebzig.“
„Hab’ ich vierundsechzig gesagt? Ja, das war im Dusel gesprochen. Wenn ich ordentlich getrunken hab’, komm’ ich mir immer viel jünger vor.“
„Also seid Ihr wirklich siebzig?“
„Wenn ich’s nicht bin, so kann wenig daran fehlen. Nachgezählt hab’ ich nicht.“
„Daß Ihr auch das Trinken nicht lassen könnt! Liegt’s Euch denn nicht auf dem Gewissen?“
„Nein. Was das Gewissen anlangt, das ist bei mir gesund und mag was aushalten. Wenn mir sonst nichts fehlte, möcht’ ich leicht nochmal so alt werden.“
Kömpff hatte einen Widerwillen gegen diesen leichtfertigen Ton, bewunderte und beneidete aber im geheimen den Strolch um seine ungebeugte Lebensfreude. Auch war Beckeler jetzt sein einziger Umgang, und wenn er einmal zwei Tage ausblieb, konnte er sicher auf ein kleines Geschenk rechnen. Und er rechnete auch darauf.
Es gab auch Tage, an denen Kömpff finster, elend und ungesprächig war. Der Göckeler hatte dafür eine feine Witterung und merkte schon beim Herankommen, wie es mit dem närrischen Lustgärtner stehe. Dann blieb er, ohne hereinzutreten, am Zaune stehen und wartete etwa eine halbe Stunde, eine Art schweigender Anstandsvisite. Er lehnte stillvergnügt am Gartenzaun, sprach keinen Ton und betrachtete sich seinen sonderbaren Gönner, der seufzend hackte, grub, Wasser schleppte oder junge Bäume pflanzte. Und schweigend ging er wieder, spuckte aus, steckte die Hände in die Hosensäcke und grinste und zwinkerte lustig vor sich hin.
Schwere Zeiten hatte jetzt die Holderlies. Sie war allein in dem unbehaglich gewordenen Hause geblieben, besorgte die Stuben, wusch und kochte. Anfangs hatte sie dem neuen Wesen ihres Herrn böse Gesichter und grobe Worte entgegengesetzt. Dann war sie davon abgekommen und hatte beschlossen, den übel Beratenen eine Weile machen und laufen zu lassen, bis er müde wäre und wieder auf sie hören würde. So war es ein paar Wochen gegangen.
Am meisten ärgerte sie sein kameradschaftlicher Umgang mit dem Göckeler, dem sie die feinen Zigarren von damals nicht vergessen hatte. Aber gegen den Herbst hin, als wochenlang Regenwetter war und Kömpff nicht in den Garten konnte, kam ihre Stunde. Ihr Herr war trübsinniger als je.