Eines Abends, kurz vor Neujahr, ging er — seit mehr als einem Jahr zum ersten Mal — in den Hirschen und setzte sich an den Honoratiorentisch. Er war früh gekommen und der erste Abendgast. Allmählich trafen die andern ein, und jeder sah ihn mit Erstaunen an und nickte verlegen, und einer um den andern kam und mehrere Tische wurden besetzt. Nur der Tisch, an dem Kömpff saß, blieb leer, obwohl es der Stammtisch war. Da bezahlte er den Wein, den er nicht getrunken hatte, grüßte traurig und ging heim.

Ein tiefes Schuldbewußtsein machte ihn gegen jedermann unterwürfig. Er nahm jetzt sogar vor Alois Beckeler den Hut ab, und wenn Kinder ihn aus Mutwillen anstießen, sagte er Pardon. Viele hatten jetzt Mitleid mit ihm, aber er war der Narr und das Kindergespött der Stadt.

Man hatte Kömpff vom Arzt untersuchen lassen. Der hatte seinen Zustand als primäre Verrücktheit bezeichnet, ihn übrigens für harmlos erklärt und befürwortet, daß man den Kranken daheim und bei seinem gewohnten Leben lasse.

Seit dieser Untersuchung war der arme Kerl mißtrauisch geworden. Auch hatte er sich gegen die Entmündigung, die nun doch über ihn verfügt werden mußte, verzweifelt gesträubt. Von da an nahm seine Krankheit eine andre Form an.

„Lies,“ sagte er eines Tages zur Haushälterin, „Lies, ich bin doch ein Esel gewesen. Aber jetzt weiß ich, wo ich dran bin.“

„Ja, und wie denn auf einmal?“ fragte sie ängstlich, denn sein Ton gefiel ihr nicht.

„Paß auf, Lies, du kannst was lernen. Also nicht wahr, ein Esel hab’ ich gesagt. Da bin ich mein Leben lang gelaufen und hab’ mich abgehetzt und mein Glück versäumt um etwas, was es gar nicht gibt!“

„Das versteh’ ich nun wieder nicht.“

„Stell dir vor, einer hat von einer schönen, prächtigen Stadt in der Ferne gehört. Er hat ein großes Verlangen, dorthin zu kommen, wenn es auch noch so weit und teuer ist. Schließlich läßt er alles liegen, gibt weg, was er hat, sagt allen guten Freunden Adieu und geht fort, immer fort und fort, tagelang und monatelang, durch dick und dünn, so lang er noch Kräfte hat. Und dann, wie er so weit ist, daß er nimmer zurück kann, da fängt er an zu merken, daß das von der prächtigen Stadt in der Ferne ein Lug und Märchen war. Die Stadt ist gar nicht da und ist niemals da gewesen.“

„Das ist traurig. Aber das tut ja niemand, so was.“