Trotzdem kamen beide wieder, jeder für sich, um einander zu verklagen. Da bekam beim Mittagessen der Fabrikant kein Fleisch und als er trotzig aufbegehrte, meinte der Stricker: „Reget Euch nicht so auf, Hürlin, Strafe muß sein. Der Heller hat mir erzählt, was Ihr heut wieder für Reden verführt habt.“ Der Seiler triumphierte über diesen unerwarteten Erfolg nicht wenig. Aber abends ging es umgekehrt, Heller bekam keine Suppe und die zwei Schlaumeier merkten, daß sie überlistet waren. Von da an hatte die Angeberei ein Ende.
Untereinander aber ließen sie sich keine Ruhe. Nur selten einmal, wenn sie nebeneinander am Rain droben kauerten und den Vorübergehenden ihre faltigen Hälse nachstreckten, spann sich vielleicht für eine Stunde eine flüchtige Seelengemeinschaft zwischen ihnen an, indem sie miteinander über den Lauf der Welt, über den Stricker, über die Armenpflege und über den dünnen Kaffee im Spittel räsonierten oder ihre kleinen idealen Güter austauschten, welche bei dem Seiler in einer bündigen Psychologie der Weiber, bei Hürlin hingegen aus Wandererinnerungen und phantastischen Plänen zu Finanzspekulationen großen Stils bestanden.
„Siehst du, wenn halt einer heiratet —“ fing es bei Heller allemal an. Und Hürlin, wenn an ihm die Reihe war, begann stets: „Tausend Mark wenn mir einer lehnte —“ oder: „Wie ich dazumal in Solingen drunten war.“ Drei Monate hatte er vor Jahren einmal dort gearbeitet, aber es war erstaunlich, was ihm alles gerade in Solingen passiert und zu Gesicht gekommen war.
Wenn sie sich müdgesprochen hatten, nagten sie schweigend an ihren meistens kalten Pfeifen, legten die Arme auf die spitzen Kniee, spuckten in ungleichen Zwischenräumen auf die Straße und stierten an den krummen alten Apfelbaumstämmen vorüber in die Stadt hinunter, deren Auswürflinge sie waren und der sie in ihrer Torheit schuld an ihrem Unglück gaben. Da wurden sie wehmütig, seufzten, machten mutlose Handbewegungen und fühlten, daß sie alt und erloschen seien. Dieses dauerte stets solange, bis die Wehmut wieder in Bosheit umschlug, wozu meistens eine halbe Stunde hinreichte. Dann war es gewöhnlich Lukas Heller, der den Reigen eröffnete, zuerst mit irgendeiner Neckerei.
„Sieh einmal da drunten!“ rief er und deutete talwärts.
„Was denn?“ brummte der andere.
„Mußt auch noch fragen! Ich weiß was ich sehe.“
„Also was, zum Deihenker?“
„Ich sehe die sogenannte Walzenfabrik von weiland Hürlin und Schwindelmeier, jetzt Dallas und Kompagnie. Reiche Leute das, reiche Leute!“
„Kannst mich im Adler treffen!“ murrte Hürlin.