Hürlin horchte einen Augenblick entzückt auf und ließ seine müden Äuglein glänzen, aber dann schüttelte er verzweifelt den Kopf, drehte seine leeren Hosentaschen um und machte ein leidendes Gesicht.

„Ach so, hast kein Moos?“ rief Finkenbein lachend. „Lieber Gott, ich hab’ immer gedacht, so ein Fabrikant, der hat’s alleweil so im Sack herumklimpern. Aber heut ist doch mein Antrittsfest, das darf nicht so trocken vorbeigehen. Kommt nur ihr Leute, der Finkenbein hat zur Not schon noch ein paar Kapitalien im Ziehamlederle.“

Da sprangen die beiden Trauerwedel behend auf die Füße. Den Schwachsinnigen ließen sie sitzen, die drei anderen stolperten im Eilmarsch nach dem Sternen und saßen bald auf der Wandbank jeder vor einem Glas Korn. Hürlin, der seit Wochen und Monaten keine Wirtsstube mehr von innen gesehen hatte, kam in die freudigste Aufregung. Er atmete in tiefen Zügen den lang entbehrten Dunst des Ortes ein und genoß den Kornschnaps in kleinen, sparsamen, scheuen Schlücken. Wie einer, der aus schweren Träumen erwacht ist, fühlte er sich dem Leben wiedergeschenkt und von der wohlbekannten Umgebung heimatlich angezogen. Er holte die vergessenen kühnen Gesten seiner ehemaligen Kneipenzeit eine um die andere wieder hervor, schlug mordsmäßig auf den Tisch, schnippte mit den Fingern, spuckte vor sich hin auf die Diele und scharrte tönend mit der Sohle darüber. Auch seine Redeweise nahm einen plötzlichen Aufschwung und die volltönenden Kraftausdrücke aus den Jahren seiner Herrlichkeit klangen noch einmal fast mit der alten brutalen Sicherheit von seinen blauen Lippen.

Während der Fabrikant sich diesermaßen verjüngte und im Nachglanze seines einstigen Virtuosentums und Glück sonnte, blinzelte Lukas Heller nachdenklich in sein Gläschen und hielt die Zeit für gekommen, wo er dem Stolzen seine Beleidigungen und den entehrenden Blechhieb aus jener Nacht heimzahlen könnte. Er hielt sich still und wartete aufmerksam, bis der rechte Augenblick da wäre.

Inzwischen hatte Hürlin, wie es früher seine Art gewesen war, beim zweiten Glase angefangen ein Ohr auf die Gespräche der Leute am Nebentisch zu haben, mit Kopfnicken, Räuspern und Mienenspiel daran teilzunehmen und schließlich auch zwischenein ein freundschaftliches Jaja oder Soso dareinzugeben. Er fühlte sich ganz in das schöne Ehemals zurückversetzt und als nun das Gespräch nebenan lebhafter wurde, drehte er sich mehr und mehr dort hinüber und nach seiner alten Leidenschaft stürzte er sich bald mit Feuer in das Wogen und Aneinanderbranden der Meinungen. Die Redenden achteten im Anfang nicht darauf, bis einer von ihnen, ein Fuhrknecht, plötzlich rief: „Jeses, der Fabrikant! Ja, was willst denn du da, alter Lump? Sei so gut und halt du deinen Schnabel, sonst schwätz ich deutsch mit dir.“

Betrübt wendete der Angeschnauzte sich ab, aber da gab ihm der Seiler einen Ellbogenstoß und flüsterte eifrig: „Laß dir doch von dem Jockel das Maul nicht verbieten! Sag’s ihm, dem Drallewatsch!“

Diese ehrenvolle Ermunterung entflammte sogleich das Ehrgefühl des Fabrikanten zu neuem Bewußtsein. Trotzig hieb er auf den Tisch, rückte noch mehr gegen die Sprecher hinüber, warf kühne Blicke um sich und rief mit tiefem Brustton: „Nur etwas manierlicher, du, bitt ich mir aus! Du weißt scheint’s nicht, was der Brauch ist.“

Einige lachten. Der Fuhrknecht drohte noch einmal gutmütig: „Paß Achtung, Fabrikantle! Dein Maul wenn du nicht hältst, kannst was erleben.“

„Ich brauch nichts zu erleben,“ sagte Hürlin, von Heller wieder durch einen Stoß angefeuert, mit Würde und Nachdruck, „ich bin so gut da und kann mitreden wie ein anderer. So, jetzt weißt du’s.“

Der Knecht, der seinem Tisch eine Runde bezahlt hatte und dort den Herrn spielte, stand auf und kam herüber. Er war der Kläfferei müde. „Geh heim ins Spittel, wo du hingehörst!“ schrie er Hürlin an, nahm den Erschrockenen am Kragen, schleppte ihn zur Stubentüre und half ihm mit einem Tritt hinaus. Die Leute lachten, sahen belustigt zu und fanden, es geschehe dem Spektakler recht. Damit war der kleine Zwischenfall abgetan und sie fuhren mit Schwören und Schreien in ihren wichtigen Gesprächen fort.