Von ihrem Hause weg schritt ich immerzu weiter, bis die Straße einen Hügelkamm erreichte und plötzlich das dunkle Land schön und nächtig vor mit ruhte. Ein einzelnes Boot mit roter Laterne strich über den See und warf ein paar flackernde Scharlachstreifen auf das schwarze Wasser, aus welchem sonst nur da und dort ein vereinzelter schmaler Wellenkamm mit dünnem, silberfahlem Umriß hervortrat. In einem nahen Garten war Mandolinenspiel und Gelächter. Der Himmel war fast zur Hälfte verhangen und über die Hügel lief ein starker, warmer Wind.
Und wie der Wind die Äste der Obstbäume und die schwarzen Kronen der Kastanien liebkoste, bestürmte und beugte, daß sie stöhnten und lachten und zitterten, so spielte mit mir die Leidenschaft. Auf dem Kamm des Hügels kniete ich, legte mich auf die Erde, sprang auf und stöhnte, stampfte den Boden, warf den Hut von mir, wühlte mit dem Gesicht im Gras, rüttelte an den Baumstämmen, weinte, lachte, schluchzte, tobte, schämte mich, war selig und todbeklommen. Nach einer Stunde war alles in mir abgespannt und in einer trüben Schwüle erstickt. Ich dachte nichts, beschloß nichts, fühlte nichts; traumwandelnd stieg ich den Hügel hinab, schweifte durch die halbe Stadt, sah in einer abgelegenen Straße noch eine späte kleine Schenke offen, trat willenlos ein, trank zwei Liter Waadtländer und kam gegen Morgen schauderhaft betrunken nach Hause.
Am folgenden Nachmittag war Fräulein Aglietti ganz erschrocken, als ich zu ihr kam.
„Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank? Sie sehen ja ganz zerstört aus.“
„Nichts von Belang,“ sagte ich. „Mir scheint, ich war heute Nacht sehr betrunken, das ist alles. Bitte beginnen Sie nur!“
Ich ward auf einen Stuhl gesetzt und gebeten, mich ruhig zu halten. Das tat ich auch, denn ich schlummerte in Bälde ein und habe jenen ganzen Nachmittag im Atelier verschlafen. Es kam vermutlich vom Terpentingeruch der Malerwerkstätte, daß ich träumte, unser Nachen zuhaus werde frischgestrichen. Ich lag im Kies daneben und sah meinen Vater mit Topf und Pinsel hantieren; auch die Mutter war da und als ich sie fragte, ob sie denn nicht gestorben sei, sagte sie leise: „Nein, denn wenn ich nicht dawäre, würdest du am Ende der gleiche Lump werden wie dein Papa.“
Als ich erwachte, fiel ich vom Stuhl und fand mich mit Erstaunen in die Werkstatt der Erminia Aglietti versetzt. Sie selbst sah ich nicht, hörte sie aber im Nebenstüblein mit Tassen und Besteck klappern und schloß daraus, daß es Abendessenszeit sein müsse.
„Sind Sie wach?“ rief sie herüber.
„Jawohl. Hab’ ich lang geschlafen?“
„Vier Stunden. Schämen Sie sich nicht?“