Wenn er mit seinen Lieblingen redet, dann überrauscht sie schauernd und flutend die stürmende See der Geheimnisse, der Erinnerung, der Dichtung, der Ahnungen. Die bekannte Welt wird klein und geht verloren und in banger Freude wirft sich die Seele in die straßenlose Weite des Unbekannten, wo alles fremd und alles vertraut ist und wo die Sprache der Musik, der Dichter und des Traumes gesprochen wird.

Nun, ich muß erst erzählen.

Es geschah, daß ich stundenlang selbstvergessen heiter sein konnte, studierte, schrieb und Richards Musik anhörte. Aber kein Tag ging ganz ohne Leid vorbei. Manchmal überfiel es mich erst nachts im Bette, daß ich stöhnte und mich bäumte und spät in Tränen entschlief. Oder erwachte es, wenn ich der Aglietti begegnet war. Meistens aber kam es am Spätnachmittag, wenn die schönen, lauen, müdemachenden Sommerabende begannen. Dann ging ich an den See, nahm ein Boot, ruderte mich heiß und müde und fand es dann unmöglich, nach hause zu gehen. Also in eine Kneipe oder in einen Wirtsgarten. Da probierte ich verschiedene Weine, trank und brütete und war manchmal am andern Tage halbkrank Dutzendemal überfiel mich dabei ein so schauderhaftes Elend und Ekelgefühl, daß ich beschloß nie mehr zu trinken. Und dann ging ich wieder und trank. Allmählich unterschied ich die Weine und ihre Wirkung und genoß sie mit einer Art von Bewußtsein, im ganzen freilich noch naiv und roh genug. Schließlich fand ich am dunkelroten Veltliner einen Halt. Er schmeckte mir beim ersten Glas herb und erregend, dann verschleierte er mir die Gedanken bis zu einer stillen, stetigen Träumerei, und dann begann er zu zaubern, zu schaffen, selber zu dichten. Dann sah ich alle Landschaften, die mir je gefallen hatten, in köstlichen Beleuchtungen mich umgeben und ich selbst wanderte darin, sang, träumte und fühlte ein erhöhtes, warmes Leben in mir kreisen. Und es endete mit einer überaus angenehmen Traurigkeit, als hörte ich Volkslieder geigen und als wüßte ich irgendwo ein großes Glück, dem ich vorbeigewandert wäre und das ich versäumt hätte.

Es kam von selbst so, daß ich allmählich selten mehr allein kneipte, sondern allerlei Gesellschaft fand. Sobald ich von Menschen umgeben war, wirkte der Wein anders auf mich. Dann wurde ich gesprächig, aber nicht erregt, sondern fühlte ein kühles sonderbares Fieber. Eine mir selbst bisher kaum bekannte Seite meines Wesens blühte über Nacht empor, doch gehörte sie weniger zu den Garten- und Zierblumen, als in die Gattung der Disteln und Nesseln. Zugleich nämlich mit der Beredtsamkeit kam ein scharfer, kühler Geist über mich, machte mich sicher, überlegen, kritisch und witzig. Waren Leute da, deren Gegenwart mich störte, so wurden sie bald fein und listig, bald grob und hartnäckig so lange aufgezogen und geärgert, bis sie gingen. Die Menschen überhaupt waren mir ja von Kind auf weder sonderlich lieb noch notwendig gewesen, nun begann ich sie kritisch und ironisch zu betrachten. Mit Vorliebe erfand und erzählte ich kleine Geschichten, in welchen die Verhältnisse der Menschen untereinander lieblos und mit scheinbarer Sachlichkeit satirisch dargestellt und bitter verhöhnt wurden. Woher dieser verächtliche Ton mir kam, wußte ich selber nicht, er brach wie eine reifende Schwäre aus meinem Wesen hervor, die ich lange Jahre nicht wieder los ward.

Saß ich dazwischen einmal einen Abend allein, dann träumte ich wieder von Bergen, Sternen und trauriger Musik.

In diesen Wochen schrieb ich eine Folge von Betrachtungen über Gesellschaft, Kultur und Kunst unserer Zeit, ein kleines giftiges Büchlein, dessen Wiege meine Wirtshausgespräche waren. Aus meinen ziemlich fleißig weiterbetriebenen historischen Studien kam mancherlei geschichtliches Material hinzu, welches meinen Satiren eine Art von solidem Hintergrunde gab.

Auf Grund dieser Arbeit erhielt ich bei einer größeren Zeitung den Rang eines ständigen Mitarbeiters, wovon ich nahezu leben konnte. Gleich darauf erschienen jene Skizzen auch als selbständiges Büchlein und hatten einigen Erfolg. Nun warf ich die Philologie vollends über Bord. Ich war nun schon in höheren Semestern, Beziehungen zu deutschen Zeitschriften knüpften sich an und hoben mich aus der bisherigen Verborgenheit und Armseligkeit in den Kreis der Anerkannten empor. Ich verdiente mein Brot, verzichtete auf das lästige Stipendium und trieb mit vollen Segeln dem verächtlichen Leben eines kleinen Berufsliteraten entgegen.

Und trotz des Erfolgs und meiner Eitelkeit, und trotz der Satiren und trotz meiner Liebesleiden lag über mir in Fröhlichkeit und Schwermut der warme Glanz der Jugend. Trotz aller Ironie und einer kleinen, harmlosen Blasiertheit sah ich in Träumen doch stets ein Ziel, ein Glück, eine Vollendung vor mir. Was es sein sollte, wußte ich nicht. Ich fühlte nur, das Leben müsse mir irgend einmal ein besonders lachendes Glück vor die Füße spülen, einen Ruhm, eine Liebe vielleicht, eine Befriedigung meiner Sehnsucht und eine Erhöhung meines Wesens. Ich war noch der Page, der von Edeldamen und Ritterschlag und großen Ehren träumt.

Ich glaubte im Beginn einer emporstrebenden Bahn zu stehen. Ich wußte nicht, daß alles bis jetzt Erlebte nur Zufälle waren und daß meinem Wesen und Leben noch der tiefe, eigene Grundton fehle. Ich wußte noch nicht, daß ich an einer Sehnsucht litt, welcher nicht Liebe noch Ruhm Grenze und Erfüllung sind.

Und so genoß ich meinen kleinen, etwas herben Ruhm mit aller Jugendlust. Es tat mir wohl, bei gutem Wein unter klugen und geistigen Menschen zu sitzen und, wenn ich zu reden begann, ihre Gesichter begierig und aufmerksam mir zugewendet zu sehen.