Veraguth öffnete die Tür. Sie gingen durch das Zimmer und blickten in die Nebenräume. Burkhardt zündete sich eine Zigarre an. Er trat in das kleine Schlafzimmer des Freundes, er sah sein Bett und betrachtete aufmerksam die paar bescheidenen Räume, in welchen überall Malergeräte und Rauchzeug umherlag. Das Ganze war fast dürftig anzusehen und sprach von Arbeit und Askese wie etwa die kleine Wohnung eines armen, fleißigen Junggesellen.

„Also da hast du dich eingerichtet!“ sagte er trocken. Aber er sah und fühlte alles, was hier in Jahren vor sich gegangen war. Er bemerkte mit Genugtuung die Gegenstände, die auf Sport, Turnen, Reiten hinwiesen, und er vermißte bekümmert alle Zeichen von Behagen, kleinem Komfort und genießerischer Mußezeit.

Dann kehrten sie zu dem Bilde zurück. Also so entstanden diese Bilder, die überall an den Ehrenplätzen der Ausstellungen und Galerien hingen und die man mit schwerem Gold bezahlte; hier entstanden sie in Räumen, die nur Arbeit und Entsagung kannten, wo nichts Festliches, nichts Unnützes, kein lieber Tand und Kleinkram, kein Duft von Wein und Blumen, keine Erinnerung an Frauen zu finden war.

Über dem schmalen Bett hingen ungerahmt zwei Photographien angenagelt, ein Bild des kleinen Pierre und eines von Otto Burkhardt. Er hatte es wohl bemerkt, es war eine schlechte Liebhaberaufnahme, sie zeigte ihn im Tropenhelm mit der Veranda seines indischen Hauses hinter sich, und unterhalb der Brust floß das Bild ganz in mystische weiße Streifen auseinander, weil Licht auf die Platte gekommen war.

„Das Atelier ist schön geworden. Überhaupt, wie du fleißig geworden bist! Gib deine Hand her, Junge, es ist fein, dich wiederzusehen! Aber jetzt bin ich müd und verschwinde für eine Stunde. Willst du mich später abholen, zum Baden oder Spazierengehen? Gut, danke. Nein, ich brauche gar nichts, in einer Stunde bin ich wieder all right. Auf Wiedersehen!“

Er schlenderte bequem unter den Bäumen hinweg und Veraguth sah ihm nach, wie seine Gestalt und sein Gang und jede Falte seiner Kleidung Sicherheit und ruhige Lebensfreude verkündete.

Indessen ging Burkhardt zwar ins Haus hinüber, schritt aber an seinen Zimmern vorbei zur Treppe, stieg hinauf und klopfte bei Frau Veraguth an.

„Störe ich, oder darf ich ein bißchen Gesellschaft leisten?“

Sie ließ ihn ein und lächelte, und er fand das kurze, ungeübte Lächeln auf dem kräftigen, schweren Gesicht sonderbar hilflos.

„Es ist herrlich hier auf Roßhalde. Ich war schon im Park und am See drüben. Und wie Pierre gediehen ist! Der hübsche Kerl könnte mir beinah mein Junggesellentum verleiden.“