„Langweilt es dich?“ fragte er plötzlich wie erwachend und blickte mißtrauisch herüber.
Otto lächelte ihm schweigend zu.
„Sieh,“ fuhr der Maler fort, „eins von den Bildern, die ich noch malen möchte, ist ein Strauß von Wiesenblumen. Du mußt wissen, meine Mutter konnte solche Sträuße machen, wie ich keine mehr sah, sie war ein Genie darin. Sie war wie ein Kind und sang fast immer, sie ging ganz leicht und hatte einen großen bräunlichen Strohhut auf, ich sehe sie im Traum nie anders als so. Einen solchen Feldblumenstrauß möchte ich einmal malen, wie sie sie gern hatte: Skabiosen und Schafgarbe und kleine rosa Winden, dazwischen ein paar feine Gräser und eine grüne Haferähre gesteckt. Ich habe hundert solche Sträuße heimgebracht, aber es ist noch nicht der rechte, es muß der ganze Duft drin sein und er muß sein, wie wenn sie ihn selber gemacht hätte. Die weißen Schafgarben gefielen ihr zum Beispiel nicht, sie nahm nur die feinen, seltenen, mit einem Anflug von lila, und sie wählte einen halben Nachmittag zwischen tausend Gräsern, ehe sie sich für eins entschied – – Ach, ich kann es nicht sagen, du verstehst das ja nicht.“
„Ich verstehe schon,“ nickte Burkhardt.
„Ja, an diesen Feldblumenstrauß denke ich manchmal halbe Tage lang. Ich weiß genau, wie das Bild werden müßte. Nicht dieses wohlbekannte Stückchen Natur, gesehen von einem guten Beobachter und vereinfacht von einem guten, schneidigen Maler, aber auch nicht sentimental und holdselig wie von einem sogenannten Heimatkünstler. Es muß ganz naiv sein, so wie begabte Kinder sehen, unstilisiert und voller Einfachheit. Das Nebelbild mit den Fischen, das im Atelier steht, ist gerade das Gegenteil davon – aber man muß beides können ... Ach, ich will noch viel malen, noch viel!“
Er bog in einen schmalen Wiesenweg ein, der leicht bergan auf einen runden, sanften Hügel führte.
„Jetzt paß auf!“ mahnte er eifrig und spähte wie ein Jäger vor sich in die Luft. „Sobald wir oben sind! Das werde ich in diesem Herbst malen.“
Sie erreichten die Anhöhe. Jenseits hielt ein laubiges Gehölz, abendlich schräg durchlichtet, den Blick auf, der, von der klaren Wiesenfreiheit verwöhnt, nur langsam sich durch die Bäume fand. Ein Weg mündete unter hohen Buchen, eine steinerne, bemooste Bank darunter, und dem Wege folgend, fand das Auge einen Durchblick offen, über die Bank hinweg durch eine dunkle Bahn von Baumkronen tat sich frisch und leuchtend eine tiefe Ferne auf, ein Tal voll von Gebüsch und Weidenwuchs, der gekrümmte Fluß blaugrün funkelnd, und ganz ferne verlorene Hügelzüge weit bis in die Unendlichkeit.
Veraguth deutete hinab.
„Das werde ich malen, sobald die Buchen anfangen farbig zu werden. Und auf die Bank setze ich Pierre in den Schatten, so daß man an seinem Kopf vorbei in das Tal dort hinunter sieht.“