„Ja, Mutter, ja. Aber muß man denn immerzu über alles schweigen, was einen unglücklich macht?“

„Es ist das beste, Albert. Es ist nicht leicht, und von Kindern darf man es nicht verlangen. Aber es ist das beste. – Wollen wir jetzt etwas spielen?“

„Ja, gerne. Beethoven, die zweite Symphonie – magst du?“

Sie hatten kaum zu spielen begonnen, so ging sachte die Türe auf und Pierre glitt herein, setzte sich auf einen Schemel und hörte zu. Nachdenklich sah er dabei seinen Bruder an, seinen Nacken mit dem seidenen Sportskragen, seinen im Rhythmus der Musik bewegten Haarschopf und seine Hände. Jetzt, da er seine Augen nicht sah, fiel ihm Alberts große Ähnlichkeit mit der Mutter auf.

„Gefällt es dir?“ fragte Albert während einer Pause. Pierre nickte nur, ging aber gleich darauf wieder still aus dem Zimmer. In Alberts Frage hatte er etwas von dem Ton gespürt, in welchem nach seiner Erfahrung die meisten Erwachsenen zu Kindern redeten und dessen verlogene Freundlichkeit und unbeholfene Überheblichkeit er nicht leiden mochte. Der große Bruder war ihm willkommen, er hatte ihn sogar mit Spannung erwartet und ihn drunten am Bahnhof mit großer Freude begrüßt. Auf diesen Ton aber gedachte er nicht einzugehen.

Mittlerweile warteten Veraguth und Burkhardt im Atelier auf Albert, Burkhardt mit unverhehlter Neugierde, der Maler in nervöser Verlegenheit. Die flüchtige Fröhlichkeit und Plauderlust war plötzlich von ihm abgefallen, als er Alberts Ankunft erfuhr.

„Kommt er denn unerwartet?“ fragte Otto.

„Nein, ich glaube nicht. Ich wußte, daß er dieser Tage kommen sollte.“

Veraguth kramte aus einer Plunderschachtel ältere Photographien heraus. Er suchte ein Knabenbildnis hervor und hielt es vergleichend neben eine Photographie von Pierre.

„Das war Albert, genau im gleichen Alter wie jetzt der Kleine ist. Erinnerst du dich an ihn?“