Albert spielte die Rolle des wohlerzogenen Jungen weiter, der zwar ganz bestimmte Ansichten hat, sie aber bescheiden für sich behält, und der älteren Leuten das Wort läßt, nicht um zu lernen, sondern um seine Ruhe zu haben. Die Rolle paßte schlecht zu ihm, so daß auch er sich bald äußerst unbehaglich fühlte. Er wollte seinem Vater, den er nach Möglichkeit zu ignorieren gewohnt war, durchaus keinen Anlaß zu Auseinandersetzungen geben.

Burkhardt schwieg beobachtend, und so war niemand übrig, der das frostig versiegte Tischgespräch mit gutem Willen wieder aufgenommen hätte. Man beeilte sich mit dem Essen, bediente einander mit höflicher Umständlichkeit, spielte befangen mit den Dessertlöffeln und wartete in kläglicher Nüchternheit auf den Augenblick des Aufstehens und Auseinandergehens. Erst in dieser Stunde fühlte Otto Burkhardt bis ins Innerste die Vereinsamung und hoffnungslose Kälte, in der seines Freundes Ehe und Leben erstarrt und verkümmert war. Er blickte flüchtig zu ihm hinüber, sah ihn verdrossen mit schlaffem Gesicht auf die kaum berührten Speisen starren und erkannte in seinem Blick, dem er eine Sekunde begegnete, eine flehende Scham über die Enthüllung seines Zustandes.

Es war ein betrübter Anblick, und plötzlich schien das lieblose Schweigen, die verlegene Kälte und humorlose Gezwungenheit dieser Tafelstunde laut Veraguths Schande zu verkündigen. In diesem Augenblick fühlte Otto, daß jeder weitere Tag seines Hierbleibens nur eine widerwärtige Verlängerung dieser beschämenden Zuschauerschaft und zur Qual für den Freund werden würde, der nur noch mit Ekel den Schein aufrechterhielt und nicht die Kraft und Laune mehr aufbrachte, sein Elend vor dem Zuschauer zu beschönigen. Hier galt es, ein Ende zu machen.

Kaum hatte sich Frau Veraguth erhoben, so schob ihr Mann seinen Sessel zurück.

„Ich bin so müde, daß ich mich zu entschuldigen bitte. Laßt euch nicht stören!“

Er ging hinaus und vergaß die Türe hinter sich zuzuziehen, und Otto hörte ihn langsam mit schweren Schritten durch den Gang und die knarrende Treppe hinab davongehen.

Burkhardt schloß die Tür und begleitete die Hausfrau in den Salon, wo der Flügel noch offen stand und der abendliche Wind in den aufgelegten Noten blätterte.

„Ich hatte Sie bitten wollen, etwas zu spielen,“ sagte er befangen. „Aber mir scheint, Ihr Mann ist nicht recht wohl, er hat den ganzen Mittag in der Sonne gearbeitet. Wenn Sie erlauben, leiste ich ihm noch ein Stündchen Gesellschaft.“

Frau Veraguth nickte ernsthaft und suchte ihn nicht zu halten. Er empfahl sich und ging, von Albert bis zur Treppe begleitet.

Fünftes Kapitel