Diesen Abend war es ganz still im Hause. Veraguth war fort, Albert war verstimmt und litt darunter, daß er nicht Klavier spielen durfte. Man ging früh zu Bett und die Mutter ließ ihre Türe offen stehen, um Pierre zu hören, falls er in der Nacht etwas brauche.

Zwölftes Kapitel

Der Maler hatte am Abend bei seiner Rückkehr aus der Stadt sein Haus aufmerksam umschlichen und mit Sorge gespäht und gelauscht, ob nicht ein erleuchtetes Fenster, ein Türengehen, eine Stimme ihm verkünde, daß sein Liebling noch krank sei und leide. Als er alles still, beruhigt und schlafend fand, fiel die Angst von ihm ab wie ein schweres, nasses Kleid, und dankbar lag er noch lange wach. Und noch kurz vor dem späten Einschlummern mußte er lächeln und sich wundern, wie wenig dazu gehöre, um ein verzagtes Herz froh zu machen. Alles, was ihn plagte und beschwerte, die ganze dumpfe, trübe Last seines Lebens ward zu nichts, ward leicht und unbedeutend neben der Liebessorge um sein Kind, und kaum sah er diesen schlimmen Schatten weichen, da schien ihm alles heller und alles erträglich zu sein.

In guter Stimmung kam er am Morgen zu ungewohnt früher Stunde ins Haus, fand voll Dankbarkeit den Kleinen noch prächtig schlafend und nahm das Frühstück mit seiner Frau allein, denn auch Albert war noch nicht aufgestanden. Es war seit Jahren das erstemal, daß Veraguth zu dieser Stunde hier im Hause und an Frau Adeles Tische war, und sie beobachtete ihn mit fast mißtrauischem Erstaunen, wie er freundlich und wohlgelaunt, als sei es die alltäglichste Sache, um eine Tasse Kaffee bat und wie in alten Zeiten ihr Frühstück teilte.

Schließlich fiel ihm selber ihre abwartende Spannung und das Ungewohnte der Stunde auf.

„Ich bin so froh,“ sagte er mit einer Stimme, die seine Frau an schönere Jahre erinnerte. „Ich bin so froh, daß unser Kleiner wieder in Ordnung zu kommen scheint. Ich merke erst jetzt, daß ich ernstlich um ihn in Sorge war.“

„Ja, er gefiel mir gestern gar nicht,“ stimmte sie bei.

Er spielte mit dem silbernen Kaffeelöffel und sah ihr beinahe schelmisch in die Augen, mit einem schwachen Abglanz der plötzlich ausbrechenden und nie lange währenden, knabenhaften Heiterkeit, die sie ehemals an ihm besonders geliebt und deren zartes Strahlen nur Pierre von ihm geerbt hatte.

„Ja,“ begann er munter, „es ist wirklich ein Glück. Und jetzt komme ich auch endlich dazu, über meine neuesten Pläne mit dir zu sprechen. Ich meine, du solltest im Winter mit den beiden Jungen nach Sankt Moritz gehen und recht lange dort bleiben.“

Unsicher blickte sie nieder.