Er erhob sich, schlug die Augen auf und griff mit belebten Blicken herrisch nach seinem neuen Bilde. Er schaute lang durch den Waldschatten in das ferne lichte Flußtal hinab. Dies wollte er malen, und er wollte nicht mehr den Herbst dazu abwarten. Es war eine heikle Aufgabe, es war eine kapitale Schwierigkeit, es war ein köstliches Rätsel hier zu lösen: dieser wundersame Durchblick mußte mit Liebe gemalt werden, er mußte mit so viel Liebe und Studium gemalt werden, wie ihn ein zarter alter Meister gemacht hätte, ein Altdorfer oder Dürer. Hier konnte die Beherrschung des Lichtes und dessen mystischer Rhythmus nicht das einzige sein, hier mußte jede kleinste Form ihr volles Recht bekommen und so fein überlegt und abgewogen werden wie die Gräser in jenen wunderbaren Feldsträußen seiner Mutter. Die kühlhelle Ferne des Tales mußte, durch die warme Lichtflut des Vorgrundes und den Waldschatten doppelt zurückgetrieben, wie ein Edelstein aus dem Grunde des Bildes hervorleuchten, so kühl wie süß, so fremd wie lockend.

Er sah auf die Uhr, es war Zeit, nach Hause zu gehen. Er wollte seine Frau heute nicht warten lassen. Aber vorher zog er doch noch das kleine Skizzenbuch hervor und notierte, in der Mittagssonne am Rand des Hügels stehend, mit kräftigen Strichen das Skelett seines Bildes: die Maße der Perspektive, den Ausschnitt des Ganzen und das vielversprechende Oval der kleinen köstlichen Fernsicht.

Darüber verspätete er sich nun doch ein wenig und lief, der Hitze nicht achtend, in Eile den steilen sonnigen Weg bergab zurück. Er überlegte, was er zum Malen brauchen werde, er beschloß, morgen sehr früh aufzustehen, um die Landschaft auch im ersten Morgenlichte zu sehen, und im Herzen wurde ihm wohl und heiter, da er wieder eine schöne, lockende Aufgabe auf sich warten wußte.

„Was macht Pierre?“ war seine erste Frage, als er eilig eintrat.

Der Kleine sei ruhig und müde, gab Frau Adele Bericht, er scheine keine Schmerzen zu haben und liege geduldig still. Es sei am besten, ihn nicht zu stören, er sei merkwürdig empfindlich und fahre auf, sobald die Türe gehe oder sonst ein plötzliches Geräusch zu hören sei.

„Nun ja,“ nickte er dankend, „ich werde ihn später besuchen, vielleicht gegen Abend. Entschuldige, daß ich etwas verspätet kam, ich war draußen und werde die nächsten Tage im Freien arbeiten.“

Man aß in Frieden und Stille, durch die herabgelassenen Jalousien floß ein grünes Licht durch das kühle Zimmer, die Fenster standen alle offen, und man hörte in der Mittagsstille vom Hofe her den kleinen Brunnen plätschern.

„Du wirst für Indien eine besondere Ausrüstung brauchen,“ fragte Albert, „nimmst du auch Jagdzeug mit?“

„Ich denke nicht, Burkhardt ist mit allem versehen. Er wird mir schon Rat geben. Ich glaube, man muß das Malzeug in verlöteten Blechkisten mitnehmen.“

„Wirst du auch einen Tropenhelm tragen?“