Lächelnd wandte er sich einer großen Rolle zu, in der ihm ein junger Düsseldorfer Maler eine Anzahl Radierungen mit ehrfurchtsvoller Widmung übersandte. Auch dafür fand er heute Zeit und Laune, er sah die Blätter aufmerksam durch und wählte das beste davon für seine Mappen aus, die anderen mochte Albert haben. Dem Maler schrieb er ein freundliches Billett.
Zuletzt schlug er das Skizzenbuch auf und betrachtete lange die vielen Zeichnungen, die er draußen gemacht hatte. Sie befriedigten ihn alle nicht recht, er wollte es morgen mit einem anderen, weiteren Ausschnitt versuchen, und wenn das Bild auch dann noch nicht säße, wollte er eben solange Studien malen, bis er es heraus hätte. Auf alle Fälle würde er morgen tüchtig fleißig sein, das Weitere würde sich schon ergeben. Und diese Arbeit würde dann sein Abschied von Roßhalde sein; es war ohne Zweifel das eindringlichste und lockendste Stück Landschaft in der ganzen Gegend, und es sollte nicht vergebens gewesen sein, hoffte er, daß er sich das bis jetzt immer wieder aufgespart hatte. Das durfte nicht mit einer schneidigen Studie abgetan werden, es mußte ein gutes, delikates, abgewogenes Bild werden. Das rasche, kämpfende Malen in der Natur, mit Schwierigkeiten, Niederlagen und Siegen, das würde er dann draußen in den Tropen wieder auskosten können.
Er legte sich zeitig nieder und schlief vortrefflich, bis Robert ihn weckte. Da stand er, in der straffen Morgenkühle fröstelnd, in fröhlicher Eile auf, trank stehend eine Schale Kaffee und trieb den Diener an, der ihm Leinwand, Feldstuhl und Farbenkasten nachtragen sollte. Bald darauf verließ er das Haus und verschwand, Robert hinterdrein, in den noch morgenblassen Wiesen. Vorher hatte er noch in der Küche nachfragen wollen, ob Pierre eine ruhige Nacht gehabt habe. Aber er hatte das Haus noch verschlossen und niemand wach gefunden.
Frau Adele war bis in die Nacht bei dem Kleinen gesessen, da er ein wenig zu fiebern schien. Sie hatte seinem lallenden Gemurmel zugehört, seinen Puls gefühlt und sein Bett in Ordnung gebracht. Als sie ihm Gutenacht sagte und ihn küßte, schlug er die Augen auf und sah ihr ins Gesicht, ohne aber zu antworten. Die Nacht blieb ruhig.
Pierre war wach, als sie am Morgen zu ihm kam. Er wollte kein Frühstück haben, verlangte aber nach einem Bilderbuch. Die Mutter ging selbst, um eines zu holen. Sie stopfte ihm ein zweites Kissen unter den Kopf, zog den Fenstervorhang auseinander und gab Pierre das Buch in die Hände; es war ein Bild mit einer großen, strahlend goldgelben Frau Sonne aufgeschlagen, das er besonders gern hatte.
Er hob das Buch gegen sein Gesicht, das helle frohe Morgenlicht fiel auf das Blatt. Aber sogleich flog ein dunkler Schatten von Schmerz, Enttäuschung und Unbehagen über sein zartes Gesicht.
„Pfui, das tut ja weh!“ rief er gequält und ließ das Bilderbuch sinken.
Sie fing es auf und hielt es ihm nochmals vor die Augen.
„Es ist ja deine liebe Frau Sonne,“ sagte sie zuredend.
Er hielt sich die Hände vor die Augen.