Ob ein hübsches waldiges Flußtal geeignet sei, mit monumentaler Wucht gemalt zu werden, oder ob das Gefühl für einfache Schönheiten der ländlichen Natur unseres Volkes unwürdig sei, davon sprach er nicht, und tat man einen derartigen Einwurf, so hieß es unverweilt: »Nun ja, wir können ja auch über das Ding an sich oder über den Kaukasus reden, warum nicht? Aber da wir nun doch einmal gerade von diesem Bild hier sprechen, kann ich nur wiederholen: ist hier Monumentalität? Ist hier Größe? Ist hier der Ausdruck dessen, was unser Volk bewegt?« und so weiter.

Berthold Reichardt verlernte es unter dieser Führung, sich still und bescheiden in irgendein schönes Werk zu vertiefen, und wenn er schließlich gleich seinen neuen Freunden mit Bitterkeit fragte: »Was sollen uns alle diese Ausstellungen? Sie lassen uns ja doch alle kalt!« so hatte er damit mehr Recht als er selber wußte, denn wirklich mochte das geringste dieser Bilder, in einem schlechten Farbendruck reproduziert und einem Bauernbuben geschenkt, diesem weit mehr Freude bereiten als dem so kritischen Betrachter alle Galerien.

Doktor Reichardt wußte nicht, daß seine Bekannten keineswegs die Blüte der heutigen Künstlerjugend darstellten, denn nach ihren Reden, ihrem Auftreten und ihren vielen theoretischen Kenntnissen taten sie das entschieden. Er wußte nicht, daß sie höchstens einen mäßigen Durchschnitt, ja vielleicht nur eine launige Luftblase und Zerrform bedeuteten, und wußte nicht, daß neben dieser lärmenden und überklugen Jugend unbeachtet gar viele stille Talente hausten und arbeiteten. Er wußte auch nicht, wie wenig gründlich und gewissenhaft die Urteile Konegens waren, der von schlichten Landschaften den großen Stil, von Riesenkartons aber tonige Weichheit, von Studienblättern Bildwirkung und von Staffeleibildern größere Naturnähe verlangte, so daß freilich seine Ansprüche stets weit größer blieben als die Kunst aller Könner. Und er fragte nicht, ob eigentlich Konegens eigene Arbeiten so mächtig seien, daß sie ihm das Recht zu solchen Ansprüchen und Urteilen gäben. Wie es Art und schönes Recht der Jugend ist, unterschied er nicht zwischen seiner Freunde Idealen und ihren Taten, und wenn er ihnen in lebhafter Unterredung gegenüberstand, genoß er das Gefühl, als Freund neben lauter Talenten und Ausnahmegeistern zu leben, unter glücklichen Repräsentanten der zeitgenössischen Jugend.

Es übten übrigens auch diese eine Art von auffallender Bescheidenheit. Während sie nämlich über Hodler wie über Botticelli zu reden und alle Forderungen der höchsten Kunst genau zu formulieren wußten, galt ihre eigene Arbeit meistens recht anspruchslosen Dingen, kleinen Gegenständen und Spielereien dekorativer und gewerblicher Art. Aber wie das Können des größten Malers klein wurde und elend dahinschmolz, wenn man es an ihren Forderungen an ihn und ihren Urteilen über ihn maß, so wuchsen ihre eigenen kleinen Geschäftigkeiten ins Gewaltige, wenn man sie darüber sprechen hörte. Der eine hatte eine ganz hübsche Zeichnung zu einer Vase oder Tasse gemacht und wußte nachzuweisen, daß diese Arbeit, so unscheinbar sie sei, doch vielleicht mehr bedeute als mancher Saal voll Bilder, da sie in ihrem schlichten Ausdrucke das Gepräge des Notwendigen trage und auf einer Erkenntnis der statischen und konstruktiven Grundgesetze jedes gewerblichen Gegenstandes, ja des Weltgefüges selbst, beruhe. Ein anderer versah ein Stück graues Papier, das zu Büchereinbänden dienen sollte, mit einigen regellos verteilten gelblichen Flecken und konnte darüber ebenfalls eine Stunde lang philosophieren, wie die Art der Verteilung jener Flecken etwas Kosmisches zeige und ein Gefühl von Sternhimmel und Unendlichkeit zu wecken vermöge und wie der Zusammenklang des Grau mit dem Gelb etwas melancholisch Schweres, aber doch dämonisch Kräftiges habe.

Dergleichen Unfug lag in der Luft und wurde von der Jugend als eine Mode betrieben; mancher kluge, doch schwache Künstler mochte es auch ernstlich darauf anlegen, mangelnden natürlichen Geschmack durch solche Raisonnements zu ersetzen oder zu entschuldigen. Reichardt aber in seiner langsamen Gründlichkeit nahm alles eine Zeit lang ernst und lernte dabei von Grund aus die verderbliche Müßiggängerkunst eines intellektualistischen Beschäftigtseins, das der Todfeind jeder wertvollen Arbeit ist.

2

Über diesem Umgange und Treiben aber konnte er, als ein ziemlich gut erzogener Mensch, doch auf die Dauer nicht alle gesellschaftlichen Verpflichtungen vergessen, und so erinnerte er sich vor allem eines Hauses, in dem er einst als Student verkehrt hatte, da der Hausherr vor Zeiten mit Bertholds Vater in näheren Beziehungen gestanden war. Es war dies ein Herr Justizrat Weinland, der ehemals Diplomat gewesen, dann zur Rechtswissenschaft zurückgekehrt war und als leidenschaftlicher Freund der Kunst und der Geselligkeit ein belebtes und glänzendes Haus geführt hatte. Dort wollte nun Reichardt, nachdem er schon gegen einen Monat in der Stadt wohnte, einen Besuch machen und sprach in sorgfältiger Toilette in dem Hause vor, dessen erste Etage der Rat einst bewohnt hatte. Da fand er zu seinem Erstaunen einen fremden Namen auf dem Türschilde stehen, und als er einen zufällig heraustretenden Diener nach der jetzigen Wohnung des Justizrats fragte, erfuhr er diese und zugleich die Nachricht, der Herr Rat selbst sei vor mehr als Jahresfrist gestorben.

Die Wohnung der Witwe, die Berthold sich aufgeschrieben hatte, lag weit draußen in einer unbekannten stillen Straße am Rande der Stadt, und ehe er dorthin ging, suchte er durch Kaffeehausbekannte, deren er einige noch von der Studentenzeit her vorgefunden hatte, über Schicksal und jetzigen Zustand des Hauses Weinland Bericht zu erhalten. Das hielt nicht schwer, da der verstorbene Rat ein weithin gekannter Mann gewesen war, und so erfuhr Berthold eine ganze Geschichte: Weinland hatte allezeit weit über seine Verhältnisse gelebt und war so tief in Schulden, ja in zweifelhafte und mißliche Finanzgeschäfte hineingeraten, daß niemand seinen plötzlichen Tod für einen natürlichen hatte halten mögen. Jedenfalls hatte sofort nach diesem unerklärten Todesfall die Familie alle Habe verkaufen müssen und sei, obwohl noch in der Stadt wohnhaft, so gut wie vergessen und verschollen, da die angesehenen Freunde sich alle mißtrauisch zurückgezogen hätten und die ganz verarmte Frau nicht in der Lage sei, ein Haus zu machen. Schade sei es dabei am meisten um die Tochter, der jedermann ein besseres Schicksal gegönnt hätte.

Der junge Mann, von solchen Nachrichten überrascht und mitleidig ergriffen, wunderte sich doch über das Dasein dieser Tochter, welche je gesehen zu haben er sich nicht erinnern konnte, und es geschah zum Teil aus Neugierde auf das Mädchen, als er nach einigen Tagen beschloß, die Weinlands zu besuchen. Er nahm einen Mietwagen und fuhr hinaus, durch eine unvornehme Vorstadt bis an die Grenze des freien Feldes, das zum Teil durch einen Exerzierplatz eingenommen wurde, wo im nassen Herbstwetter einige kleine Truppen sich unfroh bewegten. Der Wagen hielt vor einem einzeln stehenden mehrstöckigen Miethause, das trotz seiner Neuheit in Fluren und Treppen schon den trüben Duft der Ärmlichkeit angenommen hatte.

Etwas verlegen trat er in die kleine Wohnung im zweiten Stockwerk, dessen Türe ihm eine Küchenmagd, offenbar erstaunt über den eleganten Besuch, geöffnet hatte. Sogleich erkannte er in der einfachen Stube mit neuen billigen Möbeln die Frau Rätin, deren strenge magere Gestalt und ruhig würdiges Gesicht ihm beinahe unverändert und nur um einen Schatten reservierter und kühler geworden schien. Neben ihr aber tauchte die Tochter auf, und nun wußte er genau, daß er diese noch nie gesehen habe, denn sonst hätte er sie gewiß nicht so ganz vergessen können. Sie hatte die Figur der Mutter, ohne ihr im Gesicht ähnlich zu sein, und sah mit dem gesunden Gesicht, in der strammen, elastischen Haltung und einfachen, doch tadellosen Toilette wie eine junge Offiziersfrau oder Sportsdame aus. Dies war der erste Eindruck, und schon der war angenehm genug. Bei längerem Betrachten ergab sich dann, daß in dem frischen, herben Gesicht ruhige dunkelbraune Augen ihre Stätte hatten, und in diesen ruhigen Augen sowohl, wie in manchen weichen Bewegungen der strengen und beherrschten Gestalt schien erst der wahre Charakter des schönen Mädchens zu wohnen, den das übrige Äußere härter und kälter vermuten ließ, als er war.