Mit den vielen Bekanntschaften dieses Sommers und Herbstes und mit dieser Büchersammlung fand sich Berthold schließlich bei rasch abnehmenden Tagen seinem zweiten tiroler Winter gegenübergestellt. Mit dem Eintritt der kühlen Zeit und der Herbständerung der Fahrpläne hörte nämlich der Gästeverkehr, an den er sich gewöhnt hatte, urplötzlich auf wie mit der Schere abgeschnitten. Die Apostel und Brüder saßen jetzt entweder still im eigenen Winternest oder hielten sich, soweit sie heimatlos von Wanderung und Bettel lebten, an andere Gegenden und an die Adressen städtischer Gesinnungsgenossen.
Um diese Zeit las Reichardt in der einzigen Zeitung, die er bezog, die Nachricht von dem Tode des Eduard van Vlissen. Der hatte in einem Dorf an der russischen Grenze, wo er der Cholera wegen in Quarantäne gehalten, aber kaum bewacht wurde, in der Bauernschenke gegen den Schnaps gepredigt und war im ausbrechenden Tumult erschlagen worden.
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Vereinsamt sah Berthold dem Einwintern in seinem Tale zu. Seit einem Jahre hatte er sein Stücklein Boden nimmer verlassen und sich zugeschworen, auch ferner dem Leben der Welt den Rücken zu kehren. Die Genügsamkeit und erste Kinderfreude am Neuen war aber nicht mehr in seinem Herzen, er trieb sich viel auf mühsamen Spaziergängen im Schnee herum, denn der Winter war viel härter als der vorjährige, und überließ die häusliche Handarbeit immer häufiger dem Xaver, der sich längst in dem kleinen Haushalt unentbehrlich wußte und das Gehorchen so ziemlich verlernt hatte.
Mochte sich aber Reichardt noch so viel draußen herumtreiben, so mußte er doch alle die unendlich langen, stillen, toten Abende allein in der Hütte sitzen, und ihm gegenüber mit furchtbaren großen Augen saß die Einsamkeit wie ein Wolf, den er nicht anders zu bannen wußte als durch ein stetes waches Starren in seine leeren Augen, und der ihn doch von hinten überfiel, so oft er den Blick abwandte. Die Einsamkeit saß nachts auf seinem Bett, wenn er durch leibliche Ermüdung den Schlaf gefunden hatte, und vergiftete ihm Schlaf und Träume. Und wenn am Abend der Knecht das Haus verließ und mit wohligen Schritten pfeifend durch den Obstgarten hinab gegen das Dorf verschwand, sah ihm sein Herr nicht selten mit nacktem Neide nach. Für unbefestigte Menschen ist nichts gefährlicher und seelenmordender als die beständige Beschäftigung mit dem eigenen Wesen und Ergehen, dem eigenen Leben, der eigenen einsamen Unzufriedenheit und Schwäche. Die ganze Krankheit dieses Zustandes mußte nun der gute Eremit an sich erleben, und durch die Lektüre so manches mystischen Buches geschult konnte er nun an sich selbst beobachten, wie unheimlich wahr alle die vielen Legenden von den Nöten und Versuchungen der frommen Einsiedler in der Wüste Thebais waren. Von den Entrückungen und dem Einswerden mit dem Herzschlag der Natur, welche jene Heiligen ihrer Askese verdankten, wurde ihm nichts zuteil, es sei denn der bitter traurige Einsamkeitsstolz des freiwillig Ausgeschlossenen, der allein ihn aufrecht hielt.
So brachte er trostlose Monate hin, dem Leben entfremdet und an der Wurzel der Seele krank. Er sah übel aus, und seine früheren Freunde hätten ihn nicht mehr erkannt; denn über dem wetterfarbenen, aber eingesunkenen Gesichte war Bart und Haar lang gewachsen, und aus dem hohlen Gesicht brannten hungrig und durch die Einsamkeit scheu geworden die Augen, als hätten sie niemals gelacht und niemals sich unschuldig an der Buntheit der Welt gefreut.
Ein einziges Mal suchte er, als ihm das Alleinsein in einer schlimmen Stunde unerträglich wurde, das Dorfwirtshaus auf. Sauber gebürstet und gekämmt, doch fremd und wunderlich trat er in die Stube, setzte sich an einen Tisch und ließ sich Wein bringen, von dem er nur wenige Tropfen in ein Glas Wasser goß; und die Stille bei seinem Eintritt, das einsilbige Grüßen und nachherige Wegrücken der Tischnachbarn, das verhaltene Lachen am Nebentische machten ihn sofort verzagt und ließen ihn bereuen, daß er gekommen war. Ach nein, er war kein Prophet wie van Vlissen, der unter Menschen jeder Art seine Überlegenheit bewahrt hatte! Bedrückt und beinahe weinend vor Enttäuschung und Schwächegefühl ging er bald wieder davon.
Es blies schon der erste Föhnwind, da brachte eines Tages der Knecht mit der Zeitung auch einen kleinen Brief herauf, die gedruckte Einladung zu einer Versammlung aller derer, die mit Wort oder Tat sich um eine Reform des Lebens und der Menschheit mühten. Die Versammlung, zu deren Einberufung theosophische, vegetarische und andere Gesellschaften sich vereinigt hatten, sollte zu Ende des Februar in München abgehalten werden. Wohlfeile Wohnungen und fleischfreie Kosttische zu vermitteln erbot sich ein dortiger Verein.
Mehrere Tage schwankte Reichardt ungewiß, ob ihm diese Einladung eine Erlösung oder Versuchung bedeute, dann aber faßte er seinen Entschluß und meldete sich in München an. Und nun dachte er drei Wochen lang an nichts anderes als an dieses Unternehmen. Schon die Reise, so einfach sie war, machte ihm, der länger als ein Jahr eingesponnen hier gehaust hatte, Gedanken und Sorgen; er ließ sich ein Kursbuch kommen und las nachdenklich die Namen der Haltestellen und Umsteigestationen, die er von mancher sorglosen Reise der früheren Zeiten her kannte. Gern hätte er auch zum Bader geschickt und sich Bart und Haar zuschneiden lassen, doch scheute er davor zurück, da es ihm als eine feige Konzession an die Weltsitten erschien, und da er wußte, daß manche der ihm befreundeten Sektierer auf nichts einen so hohen Wert legten wie auf die religiös eingehaltene Unbeschnittenheit des Haarwuchses. Dafür ließ er sich im Dorfe einen neuen Anzug machen, gleich in Art und Schnitt wie sein van Vlissensches Büßerkleid, aber von gutem Tuche, und einen langen, landesüblichen Lodenkragen als Mantel.
Am vorbestimmten Tage verließ er früh am kalten Morgen sein Häuschen, dessen Schlüssel er im Dorf bei Xaver abgab, und wanderte in der Dämmerung das stille Tal hinab bis zum nächsten Bahnhof. Da saß er nun im Wartesaal, von Marktfrauen und Bauernburschen neugierig beobachtet, und aß sein mitgebrachtes Frühstück. Gar gerne wäre er in der zweiten oder ersten Klasse gefahren, nicht so sehr aus alter Gewohnheit als um weniger beobachtet unter diskreten Mitreisenden zu sitzen; aber die Schändlichkeit eines solchen Rückfalles in Luxus und Weltrücksicht war einleuchtend, und er ließ davon ab. Mit Hilfe zweier schöner Äpfel, die von seinem Imbiß übrig waren, machte er sich die Kinder einer Bauernfrau zu Freunden und kam mit den Leuten in ein leidliches Gespräch, das ihm wohltat und Mut machte. Er stieg mit in ihren Wagen und nahm beim Anschluß an die Hauptbahnlinie in Freundschaft Abschied. Nun saß er geborgen und mit einer lang nicht mehr gekosteten frohen Reiseunruhe im Münchener Zug und fuhr aufmerksam durch das schöne Land, unendlich froh, dem unerträglichen heimischen Zustand für ungewisse Tage entronnen zu sein. Von Kufstein an wuchs seine Erregung. Wie war das wunderlich, daß Kufstein und Rosenheim und München und die ganze alte Welt noch unverändert und gleichmütig dastand, und daß alles das, was er sich aus dem Herzen gerissen und in höheren Erkenntnissen ertränkt hatte, doch eben noch da war und lebte!