Das Haus Kolb war nicht in der Lage oder nicht willens, einen nahezu erwachsenen Sohn unbeschäftigt herumsitzen zu haben.
Der Meister Kolb, als er sich vom ersten Schrecken aufgerafft hatte, hatte zwar noch alles versucht, dem Schlingel trotz allem eine feinere Zukunft zu ermöglichen. Aber ein Lehrling, den die Brüder Dreiß, wenn auch aus unbekannten Ursachen, plötzlich weggejagt hatten, fand in Gerbersau keinen Boden mehr. Nicht einmal der Schreinermeister Kiderle, der doch im Blatt einen Lehrbuben bei freier Kost gesucht hatte, konnte sich entschließen, den Emil aufzunehmen. Ein Schneider freilich war noch da, der hätte ihn genommen, aber dagegen sträubte sich Emil selbst so wild und verzweifelt, daß man ihn gewähren lassen mußte.
Schließlich, als eine Woche nutzlos verstrichen war, sagte der Vater: »Ja, wenn alles nicht hilft, mußt du halt in die Fabrik!«
Er war auf Klagen und Widerstand gefaßt, aber Emil sagte ganz zufrieden: »Mir ist's recht. Aber den Hiesigen mach' ich die Freude nicht, daß sie mich in die Fabrik gehen sehen.«
Daraufhin fuhr Herr Kolb mit seinem Sohne nach Lächstetten hinüber. Da sprach er beim Fabrikanten Erler vor, der tannene Faßspunden herstellte, fand aber kein Gehör, und dann beim Walkmüller, der ebenfalls eilig dankte, und ging schließlich verzweifelnd, nur weil vor dem Abgang des Zuges noch eine halbe Stunde Zeit übrig war, auch noch in die Spindlersche Maschinenstrickerei, wo er im Werkführer zu seiner Überraschung einen Bekannten fand, der sich für ihn verwendete. So ließ man den Zug fahren und wartete auf den Fabrikanten, der nach wenig Worten den jungen Menschen auf Probe zu nehmen einwilligte.
Nach der Art gedankenloser Leute war Vater Kolb froh, als am folgenden Montag sein mißratener Sohn das Haus verließ, um sein Fabriklerleben in Lächstetten zu beginnen. Auch dem Sohne war es wohl, daß er aus den Augen der Eltern kam. Er nahm Abschied, als wäre es für wenige Tage, und hatte doch fest im Sinne, sich daheim nimmer oder doch lange Zeit nicht mehr zu zeigen.
Der Eintritt in die Fabrik fiel ihm trotz aller desperaten Vorsätze doch nicht leicht. Wer einmal gewohnt war, wenn auch nur als geringstes Glied, zu den geachteten Ständen zu gehören und über den Pöbel die Nase zu rümpfen, dem ist es ein saurer Bissen, wenn er einmal selber den guten Rock ausziehen und zu den Verachteten zählen soll.
Dazu kam, daß Emil bei dem Wegzug nach Lächstetten sich darauf verlassen hatte, daß er dort an seinem Freunde Remppis einen guten Halt finden werde. Darin hatte der schlaue Jüngling sich indessen verrechnet. Er hatte nicht gewagt, seinen Freund im stolzen Hause des Prinzipals aufzusuchen, begegnete ihm aber gleich am zweiten Abend auf der Gasse. Erfreut trat er auf ihn zu und rief ihn bei Namen.
»Grüß Gott, Franz, das freut mich aber! Denk, ich bin jetzt auch in Lächstetten!«
Der Freund aber machte gar kein frohes Gesicht. »Ich weiß schon,« sagte er sehr kühl, »man hat es mir geschrieben.«