Hier sei noch eines elektrischen Phänomens Erwähnung getan, welches sich anläßlich dieser Versuche zeigte. Sobald die als Leine dienende Klaviersaite auf circa 1000 m aufgelassen war, bemerkte man elektrische Funken, die von ihr ausgingen und unliebsame Schläge erzeugten, weshalb man die Drahtleine mit der Erde in leitende Verbindung setzen mußte. Diese Funken waren bei Schneestürmen besonders stark, zeigten sich aber auch bei klarem und bei bedecktem Himmel.

Von großer praktischer Bedeutung war endlich die Verwendung einer Dampfwinde an Stelle der bisher gebrauchten von zwei Mann bedienten Handwinde. Das Auflassen und Einholen der Drachen ist infolge der sich in der langen Leinenleitung progressiv fortsetzenden Stöße mit Schwierigkeiten verbunden und erfordert große Vorsicht. Es darf nur ganz allmählich geschehen, um den Erschütterungen Zeit zu lassen, sich auszugleichen. Mit Hilfe der Dampfwinde wird diese Manipulation gleichmäßiger, wesentlich erleichtert und das Material geschont. Hierzu trägt auch ein an der Winde angebrachter Apparat bei, der ohne weiteres die Länge des abgelaufenen Kabels und die Höhe des Drachen unter Berücksichtigung der Seildurchhängung abzulesen gestattet.

3. Drachenaufstiege.

Als das eigentliche Vaterland jener Drachen, welche uns hier speziell interessieren, müssen wir Amerika bezeichnen.

Dortselbst prüfte Eddy vom 27. Juli bis 6. August 1894 die malayischen Drachen in größerem Umfange auf dem bekannten, meteorologischen Observatorium, das auf dem 195 m über dem benachbarten Atlantischen Ozean gelegenen »Blue Hill« bei Boston errichtet ist. Am 1. August glückte es ihm, ein System von sieben Drachen 1080 m hoch steigen zu lassen. Einige Tage später wurde ein für diese Zwecke umgeänderter Richardscher Thermograph mitgenommen. Das Instrument blieb volle vier Stunden in der Höhe von 425 m.

Über die hierbei gemachten, meteorologischen Beobachtungen, bei welchen auch das Vorkommen großer Luftwirbel unterhalb Kumuli-Wolken nachgewiesen wurde, berichtet der Meteorologe Helm Clayton ausführlich.

Am 6. August versuchte man bei schwachen, westlichen Winden Drachen in die Höhe zu bringen und hatte es auch durch Hin- und Herziehen der Leine erreicht, einen Drachen von 1 1/2 m Durchmesser in einer geringen Erhebung vom Erdboden zu erhalten. Als nun um 2 Uhr 20 Minuten eine ziemlich große Kumulus-Wolke sich dem Zenith näherte, begann der Drache plötzlich in fast senkrechter Richtung zu steigen, solange, bis die Leine gänzlich abgelaufen war; er folgte dann der Wolke eine kurze Strecke über den Zenith hinaus, um hierauf schnell auf die Erde hinabzustürzen. Die Höhe, welche der Drache erreicht hatte, betrug beiläufig 350 m über dem Erdboden.

Die interessanten und sehr instruktiven Ergebnisse dieser Drachenversuche veranlaßten Herrn A. L. Rotch, den bekannten Meteorologen und Besitzer des Blue-Hill-Observatoriums, dieselben weiter fortzusetzen. Unter seiner Leitung haben nun nach einem Berichte der Boston »Commonwealth« vom 9. Mai 1896 seine Assistenten, Helm Clayton, Fergusson und Sweetland, zahlreiche und mühsame Untersuchungen angestellt, die sich zunächst auf die Art der zu verwendenden Drachen bezogen.

Hierbei sind nach drei Seiten hin erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen. Diese beziehen sich auf die Anwendung neuer Drachensysteme, eines Stahldrahtkabels und einer Dampfwinde.

Ausgerüstet mit allen diesen trefflichen Apparaten, erzielten die Amerikaner Resultate, welche die Welt in gerechtes Erstaunen versetzten. So gelang es ihnen schon bei dem am 15. Oktober 1897 unternommenen Versuche den Meteorographen, welcher zugleich die Temperatur, den Luftdruck und die Feuchtigkeit automatisch registrierte, 3370 m hoch über den Erdboden zu bringen. Der Gipfeldrache stieg noch 40 m höher in die Luft. Am Ende des Kabels befand sich ein Lamsonscher und ein verbesserter Hargrave-Drache von 6·6, beziehungsweise 3·35 m2 Oberfläche, während die beiden anderen kleineren Drachen Hargravescher Konstruktion von je 2·13 m2 Fläche in Entfernungen von 2000 bis 2500 m am Haltedraht befestigt waren. Die gesamte hebende Oberfläche belief sich demnach auf mehr als 14 m2. Die Gesamtlänge des abgelaufenen Kabels betrug 4600 m, und den Maximalzug zeigte der Dynamograph mit 68 kg an. Ausgestattet mit dem vorzüglichen von Fergusson gebauten Baro-Thermo-Hydrographen wurde so der Drache ein wertvolles Inventarstück des meteorologischen Observatoriums.