Wo eine ist, sind auch mehrere. Darum fort, am Gatter entlang, dort liegt die Schnepfe gern. Wieder rauscht das braune Laub unter den Pirschschuhen. Ein Spießer und einige Alttiere schrecken aus ihren Betten auf und trollen der Dickung zu, uns lange nachäugend aus sicherer Entfernung. Dichte Schwärme einer frostharten Mückenart tanzen am Zaune über dem Grenzgraben, ab und zu zickzackt eine Wintermotte vor uns her. Klack! sagt es alle Augenblicke, wenn eine Eichel fällt. Klatschend stiebt ein Flug Ringeltauben aus der Blitzeiche, und breitklafternd schwebt ein Bussard über die Wiese. Hier, in dem Stammloch der dicken Eiche mit den trockenen Ästen, von denen die Kugel schon manche Krähe, manchen Raubvogel herabwarf, nistet alljährlich die Hohltaube.

Ein lärmender Schwarm Saatkrähen und Dohlen wimmelt über uns. Noch schauen wir ihnen nach, da geht es »klack! klack!« vor uns. Mit reißendem Zickzackflug stiebt wieder eine Feiste dahin. Schade, daß sie der ersten nicht Gesellschaft leistet! Ein alter Spruch sagt: »Wenn der Hund die Mäuse steht und der Jäger beert – ist die Jagd keinen Dreier wert.« Aber viel Wert hat es auch nicht, den Krähen nachzuäugen, wenn man die Feistschnepfe sucht. Na, dümmer werden wir davon auch nicht. Wieder stößt Gretchen etwas hoch. Mit lautem Gegocker steigt ein Fasan hoch, wunderschön schußgerecht. Aber da kennen sie den Hofjäger schlecht! Die Fasanen schießen, die vom Andertschen Interessentenholze hierhin verstrichen sind, weil die Fabrikanlagen dort den Waldfrieden störten! Im Leben nicht! Die werden gehegt und gepflegt, damit sie im Tiergarten Standwild werden. Erst Heger, dann Jäger!

Jetzt sind wir auf dem Horne, wie dieser Forstort heißt. Hierdurch führt von der Haltestelle die Hauptallee über die Breite Wiese, hier strömt es im Sommer bunt heran von fröhlichen Menschen. Aber heute ist es still. Die Sonne brennt durch die Wolken und läßt die bunten Blätter rechts und links vom Wege leuchten und erwärmt Tausende von Blattwespen, die verfroren im Laube saßen. Überall blitzen die blanken Flügel der Spätlinge in der Luft; unsere Hüte, unsere Joppen, unsere Gesichter, alles wimmelt von ihnen, und erbost schnappen Flick und Gretchen nach dem lästigen Geschmeiß.

Dort liegt der Fang. Dorthin, in dieses System grauer Lattenzäune, wird das Wild getrieben, wenn ein Stück lebend abgegeben werden soll, erst in den großen Vorraum in dem Fichtenstangenort, dann in die Blendung dahinter, von dort in die beiden durch Fall- und Schiebetüren geschiedenen Kammern, und aus dem letzten Gelaß, dem Ausfang, führt eine Zaungasse, der Lauf, in den Kasten. Hier liegt auch die Wildscheune, hier stehen die Raufen für die Fütterung und eine Salzlecke; und dort steht ein Denkstein an der Stelle, wo der Herzog von Cumberland seinen ersten Schaufler streckte, und die vielästige runde Eiche da mit den vier Pfählen bezeichnet den Platz, wo König Ernst August bei einer Lappjagd zwölf Schaufler erlegte.

Manch frohes waidmännisches Bild hat seit 1679, wo Herzog Johann Friedrich den Tiergarten anlegte, der schöne Wald gesehen. Glänzende Jagdfeste werden heute hier nicht mehr abgehalten, und niemand bedauert das weniger, als der Hüter dieses Waldes, dem sein Wild an das Herz gewachsen ist, wie den Hannoveranern ihr schöner Tiergarten, der ihnen an schönen Sommersonntagen Erquickung bietet nach der Last arbeitsvoller Wochen.

Wenn dann an hellen, klaren Tagen die Sonne auf der Breiten Wiese brütet, dann lebt und webt es im Tiergarten von fröhlichem Volk. Von zwei Richtungen flutet es heran: von der Haltestelle her in breiten Massen, ein Gewimmel duftiger Waschkleider, bunter Hüte und strahlender Sonnenschirme, und vom Torwege, wo das Rad und der Weg vom Kirchröder Turm her für Zuzug sorgt. Aber dann bin ich nicht gern dort. Lieber sind mir die taufrischen Morgen im Frühling, wenn aus dem braunen nassen Laube die weißen Windröschen, die blauen Leberblümchen und die bunten Lungenblumen hervorbrechen, die Finken wie toll schlagen und der Specht an den spitzen Zacken der wipfeldürren Samenbuche trommelt, und die warmen Maimorgen, wenn die Pfauenaugen über die Wege flattern, wenn unter dem lichten Buchgrün, in dem der Wildtäuber so zärtlich ruckt, die gelbe Waldnessel goldne Flecke bildet und die weiße Waldmiere den Boden mit hellen Beeten schmückt, dann bin ich liebend gern im schönen Tiergarten.

Und dann kommen die Tage, wo der Wald mit dunkelgrünem Schatten die Frühlingsblumen unter sich tot macht und es auf den Wiesen und auf den Rainen an zu blühen und zu prangen fängt, wenn auf dem breiten Wiesengelände purpurne Knabenkräuter mit dunklen Blumentrauben im hellgrünen Grase prunken und goldgelb der Trollblume gelbe Kugel leuchtet; dann fliehe ich zu gern in aller Herrgottsfrüh auf dem Rade hinaus und verbummle in des Tiergartens Waldheimlichkeit ein paar köstlichreiche Stunden.

Und ist der Winter im Lande, bedeckt er mit weißem Leilicht das Moos und das Fallaub und das Dürrholz, dann patsche ich gern durch den Schnee. Der weiße Leithund weist mir dann die Fährten und Spuren von Damwild und Hase, Fuchs und Marder, Wiesel und Eichkater; Häher und Krähe, Meise und Zaunkönig erzählen mir alte Geschichten und plaudern von deutscher Waldschönheit.

Ob der Frühling mait, ob der Sommer lacht, ob der Spätherbst nebelt oder der Winter starrt, immer ist er mir lieb, immer hab' ich ihn gern, den schönen alten Tiergarten oben am Berg.