Manches, das vom Hofe ausging, gefiel den Bürgern freilich durchaus nicht, so daß Johann Friedrich einige tausend Landeskinder als Soldaten an die Venediger verlieh und von dem französischen Könige Werbegelder und Hilfssold einsteckte, die er für eine überüppige Hofhaltung verwandte. Aber das lag einmal in jener Zeit, in der auch der Bürger nach Kräften prunkte und protzte und das Leben locker und leichtsinnig war. Es war eine bunte Zeit. Kunst und Wissenschaft blühten, Glanz und Luxus herrschten, und heftig und das ganze Leben durchtränkend und anregend waren die Streitigkeiten zwischen den Anhängern der alten und denen der neuen Lehre. Damals wirkte Leibniz, der große Vielwisser und Weitdenker, in Hannover, hielt der Feuerkopf Jobst Sackman in der Kirche zu Limmer seine kraftvollen Predigten, mußte aber auch der Oberjägermeister von Moltke seinen Kopf auf den Block legen, verschwand Graf Königsmarck ohne eine Spur, wurde Sophie Dorothea zu Ahlden in lebenslängliche Haft gesetzt und ging der Magistrat mit den städtischen Geldern so leichtsinnig um, daß der Kurfürst die freie Stadtordnung aufhob und durch eine gebundenere ersetzte.
Die Zeiten gingen hin. Hannovers Kurfürst wurde englischer König; aber die Stadt behielt die Hofhaltung, die vielen Adelshöfe und das höfische Leben und reckte und streckte sich innen und nach außen und war weithin berühmt wegen ihres regen geistigen Lebens, ihres Gewerbefleißes, ihrer guten Schulen, stolzen Bauwerke und schönen Parkanlagen. Dann kam der Siebenjährige Krieg, der der Stadt für ein Jahr eine französische Besatzung brachte. Der Magistrat sah ein, daß die Mauern mehr schadeten als schirmten, und ließ sie abreißen. So war Hannover keine Festung mehr. Das schützte sie aber nicht, als 1803 der Krieg zwischen England und Frankreich ausbrach. Die Franzosen zogen ein, die Einquartierungslasten drückten Handel und Verkehr zu Boden, und anstelle der Wohlhabenheit trat Verarmung. 1806 nahm Preußen Hannover in Besitz, mußte es aber nach der Schlacht bei Jena wieder fahren lassen, und abermals zogen die Franzosen unter Mortier ein und drückten Land und Stadt durch Kriegssteuern, Eintreibungen, Einquartierung und die Handelssperre bis zur Verzweiflung. 1810 kam das Land an Jerome, König von Westfalen von seines Bruders Gnaden, und das verbesserte die Lage der Stadt nicht, zumal schlimme Krankheiten lange herrschten.
1813 hatten die zehn Angst- und Notjahre ein Ende. Hannover fand seinen Frieden und blühte schneller, als zu erwarten war, wieder auf und entwickelte sich zu einer der schönsten und vornehmsten deutschen Städte, der man es nicht ansah, daß sie aus dem Gewirr enger Gassen zwischen der Marktkirche und der Leine entstanden war, jenem Viertel, das seine Bedeutung immer mehr einbüßte und sich jetzt erst allmählich wieder erobert.
Als dann das Jahr 1866 kam, war die Sorge groß, daß die Stadt nach Verlust des Hofes und Fortzug vieler adligen Haushaltungen einen schlimmen Rückfall zur Bedeutungslosigkeit erleben würde. Aber schon hatte sich ihre Industrie gut entwickelt, hatten sich Handel und Gewerbe auf sich selbst gestellt, brachte die Verwaltungsmaschine, das Schulwesen und der Verkehr es mit sich, daß die Entwicklung nicht stockte, und als nach dem Kriege gegen Frankreich Deutschland einen unerhörten wirtschaftlichen Aufschwung nahm, bekam Hannover auch sein gutes Teil davon ab, so daß es heute in der Reihe der deutschen Großstädte eine hervorragende Stelle einnimmt, sowohl was Sehenswürdigkeiten und Bildungsmittel, als auch, was Industrie, Verkehr und Handel anbelangt.
Dazu kommt, daß es eine Lage hat, die es als Wohnplatz über viele andere große Städte stellt. Auf der Grenze zwischen der norddeutschen Tiefebene und dem mitteldeutschen Berglande hingelagert, von einem weiten grünen Gürtel von Marsch und Wald eingeschlossen, hat es da die weiten Heiden, dort die Berge vom Deister bis zu dem Harze hin, hat also ein abwechslungsreiches und durch ein ausgedehntes Straßen- und Bahnnetz gut aufgeschlossenes Umland, ein Vorzug, der nicht zum wenigsten zu seinem schnellen Wachstum in den letzten Jahrzehnten beigetragen hat.
Und es hat, was für den, der hier lebt, das Wichtigste ist, als Grundstock seiner Einwohnerschaft einen prächtigen Schlag, ein Gemisch des frohlebigen derben Kalenbergers mit dem stilleren, zurückhaltenderen Heidjer, ein Volk, das, im großen und ganzen genommen, so geartet ist, daß man gern unter ihm lebt und gut mit ihm auskommen kann, fügt man sich ein wenig seiner Art. Es ist nicht allzu zuvorkommend, weil das bäuerliche Element stark in ihm vorherrscht, ist aber durch Handel und Verkehr geschult genug, um es an der notwendigen Höflichkeit nicht fehlen zu lassen.
Darum gefällt es den Gästen der Stadt stets gut in ihr, und gern denken sie, sind sie daheim, zurück an die helle, schöne, freundliche Stadt am hohen Ufer.