Das Wasser zum Beispiel! Überall ist Wasser, breit und schmal und noch schmäler, fadendünn aus einer Röhre über die Böschung in die Gosse rieselnd, aber alles so blank, daß man es trinken kann. Und das viele Wasser, das gibt Brücken und Stege und Geländer und Böschungen und Winkel aller Art, ein Stück Klein-Venedig neben dem andern. Hier besonders, wo die Jungen barbeinig herumwaten, ist es besonders nett; darum heißt die Straße auch die schöne Ecke. Aber sieh dich hier vor, Verehrtester, hier wohnen scheußlich viel hübsche Mädchen, und leicht holst du dir einen hoffnungslosen Knacks unter der Weste; denn sie sind alle schon versagt, längst versagt. In einer so hübschen Stadt mit so viel Blumen und Vogelsang warten die Mädchen nicht lange auf den einen. Dieses Völkchen hier geht schnell und arbeitet schnell, und es lacht und liebt auch schnell, und küssen tut es schrecklich gern. Heute abend, wenn es schummert, geh einmal über die Straße: überall steht eine mit einem, vor jeder Haustür.

Doch du bist ein ernster Mann mit einer Glatze und mangelhaften Aussichten in Punkto Liebe; also mache lieber ernsthafte Studien. Die Straßennamen sind zu diesem Behufe sehr zu empfehlen: da ist eine Pinte und eine Freiheit; und auch die Flur- und Forstnamen, die haben Saft und Kraft: Pulvergarten, Galgenberg, Flutrenne, Armeleuteberg, Kalte Tal, Fenstermacherberg, Verbranntes Eichental, Zwölfmorgental, Auerhahn- und Hasenwinkel und Papenanneken. Da aber mußt du nicht hingehen, sonst wird dir betrübt um die Rippen. Da sitzen sie, jung und alt, und haben Körbe voll Kuchen und Kannen und Tassen, und da wird Kaffee gekocht und gelacht und gesungen, und Pfänderspiele werden gemacht, mit Küssen natürlich. Doch sind hierzu Pfänderspiele nicht immer nötig; es geht auch so. Da platzt du auch schon auf so ein Pärchen und ziehst dich wehmutsvoll zurück. Aber du siehst ja noch nicht ganz baufällig aus, alter Freund, und so wundere dich nicht, wenn dich alle Naselang ein paar hübsche Fräulein nach der Uhr oder nach dem Wege fragen: das sind Ferienkolonistinnen aus irgendwelchen Großstädten, denen das einschichtige Leben hier langweilig ist und die so'n bißchen Sonntagnachmittagsanschluß suchen; denn was der Mensch gewohnt ist, das entbehrt er ungern.

Wenn du klug bist, so sträube dich nicht; man kann hier nicht gut allein sein. Die Bäume blühen, die Vögel singen, blauweiß grüßt der Brocken über den Wald, von unten her lacht das bunte Land herauf, Automobile sausen, braune Kühe kommen mit Klingklang und frohem Gebrumm heim, jedes Kind hat die Faust voll Blumen; es ist wahrhaftig ein Tag, um eine kleine Dummheit zu wagen.

Sei kein Frosch, alter Junge, steige mit den Mädeln zur Harburg hinauf, lasse dir eine dicke Flasche kalt stellen und ein niedliches Abendessen nebst Sonnenuntergang servieren, und freue dich, daß du noch drei Wochen weilen darfst in der bunten Stadt am Harz.


Im Tiergarten bei Kirchrode.

Grau ist der Morgen; Nebel verhüllen die Landschaft; ein frostiger Wind pfeift uns entgegen auf der Plattform der elektrischen Bahn, die uns in sausender Fahrt an der Kante des herbstlich bunten Stadtforstes Hannovers, der großen, schönen Eilenriede, vorbeiführt, den Berg hinauf, vorüber an den schmucken Villen von Kühlshausen, durch Kirchrode hindurch. Hier hat die Fahrt ein Ende.