Noch eine oder zwei Wochen wird das lustige Treiben und das bunte Leben hier oben in den hohen Wipfeln anhalten. Dann aber, wenn die Sonne den Schnee von der Bergwand vertreibt, wenn der Seidelbast sich mit rosenroten Blütchen schmückt und der Nießwurz seine grünlichen Blumen entfaltet, wenn die Meisen sich auf ihre Lieder besinnen und der Fink zu schlagen beginnt, werden die jungen Kreuzschnäbel flügge sein und mit den Alten von dannen ziehen, irgendwohin, wo die Fichten genügend tragen. Heute werden sie da sein, morgen dort, und um die Zeit, wenn alle anderen Vögel sich seßhaft machen und ihre Brut aufziehen, unstet und flüchtig hin und her wandern, wie die Zigeuner.
Irgendwo werden sie zur Winterszeit sich einen Wald suchen, wo sie Nahrung genug finden, entweder hier oben in den Bergen oder unten im Lande, je nachdem hier oder dort der Fichtensamen gerät. Vielleicht werden sie in eine Gegend verschlagen im flachen Lande, wo sie sonst nicht leben, und wenn sie dort um die Weihnachtszeit einen Wald mit unbekannten Farben und fremden Stimmen beleben, wird das Volk sie mit besorgten Mienen betrachten und meinen, sie brächten Krieg, Seuche und Teuerung.
Die Strohdieme.
Mitten im kahlen, verschneiten Felde steht die Dieme groß und breit da, und so protzig, als sei sie stolz auf die weiße Haube, die ihr der letzte Schneefall verehrt hat.
Hundert Schritte von ihr führt der Weg entlang, der von der Vorstadt nach dem Walde führt, und auf dem tagtäglich viele Menschen hin und her gehen. Kaum einer von ihnen sieht nach ihr hin. Was ist denn auch weiter daran zu sehen? Es ist ja nur ein Haufen von gedroschenem Stroh.
Das ist wohl wahr. Aber sie ist doch mehr, als nichts und weiter nichts denn ein Haufen toten Strohes. Sie ist eine Herberge und Schlafstätte für vielerlei Getier, das da entweder sein heimliches Leben führt oder ohne Besinnung die harte Zeit verträumt, bis im Frühling, wenn die Dieme abgebaut wird, die Sonne das, was unter ihr schläft, aufweckt.
Schon im Vorherbste, als die Dieme eben gerichtet war, und die ersten rauhen Winde und kalten Güsse über das Land gingen, rettete sich alles, dem es auf dem Felde zu kalt und zu zugig wurde, zu ihr hin, große und kleine Laufkäfer, Fliegen und Wespen, Kurzflügler und Ohrwürmer, Raupen und Eulenfalter, Asseln und Tausendfüße, Spinnen und Milben, Springschwänze und Erdflöhe. Sie alle krochen unter die unterste Strohschicht, krabbelten dort noch eine Weile umher und fielen, als der Frost einsetzte, in Schlaf.
Zu gleicher Zeit kamen die Mäuse angerückt, rötlichgraue, schlanke Waldmäuse, die schönen zimtbraunen, auf dem Rücken mit einem schwarzen Aalstrich geschmückten Brandmäuse, die zierlichen Zwergmäuse, die plumpen, kurzschwänzigen Feldmäuse. Sogar Ackerspitzmäuse stellten sich ein, denn Fraß für ihre spitzen Zähne boten die vielen schlafenden Kerbtiere zur Genüge, auch wurde mehr als eine kranke und schwache Maus ihre Beute.