Auch die übrigen Vögel haben sich an den lebhaften Verkehr gewöhnt, nicht nur die stolzen Amseln, denn die sind schon mehr als dreist, nicht nur die schönen Dompfaffen, denn die sind überall zutraulich, auch nicht die hübschen Grünlinge und die lustigen Buchfinken, denn die haben ein harmloses Gemüt, und die bunten Bergfinken aus Nordland kennen den Menschen so wenig, daß sie ihn nicht scheuen, und so bleiben sie und die Grünlinge und die Dompfaffen ruhig bei der Mahlzeit sitzen, wenn ein paar Menschen einen Schritt vor ihnen stehen bleiben, mit den Händen nach ihnen deuten und laut sprechen. Auch daß der dicke Flüëvogel nicht fortfliegt, wenn es vor seinem Baume recht munter zugeht, ist weiter nicht merkwürdig, ebensowenig, daß die schwarzkappige Alpenmeise sich so gut wie gar nicht um die Menschen kümmert, und nicht minder, daß die Rabenkrähen, sind sie bei dem Beerenfressen, wenig Scheu zeigen; aber daß sogar der prächtige Grauspecht, der den einsamen Wald liebt, dicht an der Straße seinen Kropf mit den roten Beeren füllt, das bekommt man einzig und allein in Davos zu sehen.
Das ist aber alles noch gar nichts. Wenn es um die Mittagszeit auf der Straße nur so lebt von Menschen, wenn die Schlitten hin und her klingen und die Kurkapelle spielt, dann kommen rauhe, harte Schreie von den Bergen, ganze Flüge von ziemlich großen Vögeln flattern heran, fallen in den Ebereschenbäumen ein, reißen die Früchte ab und fressen sie, und das sind Kramtsvögel, die scheuesten von allen Drosseln, und die benehmen sich in Davos, als gäbe es keine Roßhaarschlingen, Schlaggarne und Schießgewehre auf der Welt. Ganz dicht kann man an sie herantreten, ihre rotgelben, schwarzgetüpfelten Brüste, ihre aschgrauen Nacken und ihre blanken Augen besehen, ohne daß es ihnen einfällt, abzustieben. Und doch lassen sie anderswo den Menschen noch nicht auf hundert Schritte herankommen.
Eine Landschaft, die kein lustiges Vogelleben aufweist, wirkt tot und kalt, mag sie sonst auch noch so prächtig sein. So würde es Davos gehen, hätte es die vielen Ebereschenbäume an der Straße nicht, deren rote Korallen ihren schönsten Schmuck bilden vom Herbste an bis zum Frühling, wo sie zusammenschrumpfen und zu Boden fallen, sobald die Espen ihre seidenen Kätzchen entfalten und an den sonnigen Hängen die Schneeheide ihre Blümchen rosenrot färbt.
Sie haben ihren Zweck erfüllt und sind überflüssig, bis der Winter wieder herannaht.
Inhaltsverzeichnis
| Seite | |
| Der Feldrain | [9] |
| Der Waldrand | [16] |
| Das Genist | [20] |
| Die Frühlingsblumen | [25] |
| Der Porst | [30] |
| Der Baumgarten | [34] |
| Die Kirchhofsmauer | [40] |
| Die Moorwiese | [45] |
| Die Schlucht | [49] |
| Die Heide | [54] |
| Der Fluttümpel | [59] |
| Der Windbruch | [63] |
| Der Bergteich | [67] |
| Die Marsch | [71] |
| Der Haselbusch | [76] |
| Das Bergmoor | [80] |
| Der Bach | [87] |
| Der Überhälter | [92] |
| Der Feldteich | [97] |
| Der Bergwald | [102] |
| Der Eisenbahndamm | [108] |
| Das Brandmoor | [114] |
| Der Quellbrink | [121] |
| Die Durchfahrt | [129] |
| Die Böschung | [135] |
| Die Kiesgrube | [140] |
| Die Dornhecke | [145] |
| Der Fichtenwald | [150] |
| Die Strohdieme | [155] |
| Die Ebereschen | [160] |
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