Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, hatte sich zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche einen Platz ertrotzt. Leicht war es ihr nicht geworden, und sie hatte sich viel winden und biegen müssen, ehe sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer Riesenschlange ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben Flechten gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß über den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm gerade empor. Jahr für Jahr versuchte der Sturm ihn zu morden, wie er ringsumher die Fichten zerbrach, wenn der Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte Ebereschenbaum wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine Wurzeln in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde und Holz gehärtet.

Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze der alte Hahn sein minnigliches Lied, wenn der Nebel wie eine Mauer in den Fichten stand. Jeden Morgen klang seine Strophe in das große Schweigen des Berges hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne grüßte und unten das Land sich entschleierte. Pfiff der Frühwind auch scharf und hart, den alten Hahn focht das nicht an; sein Herz war heiß, seine Kraft zu groß, der Kälte, dem Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz sang er sein seltsames, wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum herab.

Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und Pieper schmetterten, Zaunkönig und Laubvogel jubelten, dann verschwieg der stolze Vogel, als schämte er sich, daß er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk zeigen müsse, daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen den mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und Knospen und Samenkörner auflasen, und er holte sich bei ihnen was sein gutes Recht war als ihr Herr Gemahl, und das ihm kein anderer Hahn länger als eine Viertelstunde streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin zu streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn vom rauhen Hang seinen Harem schirmte.

Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß das Moos wie Gold und die Sauerkleeblumen wie Silber leuchteten, wenn aus allen Fliegen Diamanten und aus allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte es geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise und das Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig ganz etwas Absonderliches zu sehen bekamen; denn nachdem der Hahn eine lange Weile schläfrig dagestanden hatte, schritt er gemessen den Hennen näher, schwang sich auf einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, fächerte den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, so wunderbar, so rührend, daß eine Henne nach der anderen die Käfersuche aufgab und ergriffen seinem Liede lauschte. Und es konnte auch vorkommen, daß der Hahn in seiner Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom Wintersturme mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten einfiel und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret zu kümmern, das er aus dem Bette gescheucht hatte, von hier aus auf das ernsthafteste die Sonnenbalze betrieb. Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er noch abends, wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der Hahn, wenn er sich auf seinem Schlafbaume eingeschwungen hatte, noch nicht gleich den Kopf versteckte, sondern noch einmal seine uralte Weise in die dämmernde Einsamkeit hinaussang.

Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte die Gehöre und schlich weiter; er wußte, das war nichts für ihn. Eine Urhenne hatte er wohl schon einmal auf dem Neste gerissen, auch einst ein ganzes Gesperre vertilgt, aber an den alten Hahn war er noch nie herangekommen. Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt und waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, und hinter ihnen her ritt der Hahn ab und der Fuchs hatte von seinem ganzen Weidwerken weiter nichts, als daß er die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der Hahn gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So schlich er denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob er tiefer unten nichts Besseres fände, als nur Rüsselkäfer und weiter nichts, als Rüsselkäfer, und wenn das Glück es wollte, eine magere Maus.

Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes vernommen hatte. In aller Herrgottsfrühe war es im Tale entlang geschlichen, immer die Rehwechsel entlang, und da war der Teckel des Försters auf seine Witterung gekommen und hatte es mit hellem Halse durch die Trümmerwildnis des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich in einer einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen es verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er über den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem Tale. Bis in den Spätnachmittag hatte er in einer Spalte geschlafen, aber dann hatte ihn der Hunger hinaus getrieben, und auf Sammetsohlen war er, bald eilig, bald langsam, durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten her, über die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne mehr zu erwischen, als eine einzige Spitzmaus, vor deren Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß er sie liegen ließ. Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel gestoßen, aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper oder eine Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp schützte die Schläfer zu gut.

So war der Kater dann oben über den rauhen Hang gekommen und hatte mit hungerig leuchtenden Sehern dem Hasen nachgeäugt, den das Edelwild fortgetreten hatte. Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben sich leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte es im Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu erwischen, eine Forelle zu angeln; aber leider gibt es dort auch Förster, die Eisen stellen, und Teckel, die hetzen. Immerhin ist es dort noch besser, als hier, wo es keine Grünröcke und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen gibt, wo der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder Weise pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das große Geflügel, das hier seinen Stand hat, mehr als alte Witterung hat der Kater davon nicht gehabt heute abend auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er von der Klippe in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn fort, und dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, fällt es polternd auf.

Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. Stand er bisher hoch aufgerichtet auf der Kante der Klippe, so ist er jetzt völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein langer, flacher, grauer Stein liegt er da. Die Seher sind bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, die Schulterblätter ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken heben sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende der Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt er und äugt nach dem Hahne hin. Der äugt rund um sich her, reckt den Kragen, senkt ihn wieder, schüttelt sein Gefieder, ordnet es, wirft seine Losung ab, daß sie lautklatschend auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt einigemale leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein Spiel ein wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst schüchtern, dann kräftiger zu balzen.

Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal hat er sich bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den Hauptschlag und das Schleifen beginnt, fliegt, wie von stählerner Feder getrieben, der Kater durch die Luft. Haarscharf hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine Hinterpranten an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während er die Vorderpranten um den Kragen des Hahnes schlug. Mit heiserem Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu fest hält der böse Feind, zu scharf sind seine Krallen, so spitz die Fänge; wild mit den Fittichen schlagend, rasselt der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort unten an den jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen flüchtet und mit langen Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt, wie das Rascheln und Rauschen, Brechen und Knistern nach und nach schwächer wird und schließlich ganz aufhört.