Die aber, die am kahlen Strande, hinter dem Röhricht und über dem See fliegen, die auf den Wiesen und über den Feldern jagen, an den Hecken zu rauben pflegen und ihre Beute an den Rainen packen, sind meist auch hier zu finden; so schwirrt und flirrt es durcheinander von großen und kleinen, langsamen und flinken, blauen und roten, gelben und braunen Wasserjungfern, von ruhig dahinfahrenden, lange fliegenden, von anderen, die nach kurzem, reißendem Fluge auf einer Erdscholle einfallen, von solchen, die nur von Halm zu Halm, von Blatt zu Blatt flattern, und von jenen, die rastlos, ohne sich einmal zu setzen, stundenlang quer über die Teiche schießen.
In allem sind sie untereinander verschieden, in Gestalt, Farbe und Flug. Hier tanzt ein Weibchen der häufigsten Art dicht über das Wasser, alle Augenblicke niederwippend und das Hinterleibsende in die Flut tauchend. Es ist kein müßiges Spiel, das es da treibt, und baden will es auch nicht, denn das ist nicht die Gewohnheit der Libellen; es sorgt dafür, daß ihre Art nicht ausstirbt. Jedes Mal, wenn es den Hinterleib in das Wasser stippt, löst sich aus der Legescheide ein mit einer schützenden Schleimhülle versehenes Ei ab und sinkt in das Gekräut.
Hier aber ist noch ein sonderbareres Bild. Ein Männchen mit schön blauem Bauche hat ein Weibchen erwischt, es auf ein Schwertlilienblatt genötigt und nach vielem Gehampel und Geflatter kirre gemacht. Hinter ihm sitzt noch ein gleiches Pärchen und dahinter noch eins, und ringsumher noch mehrere. Sobald die Befruchtung vollzogen ist, das Weibchen seinen Hinterleib wieder hängen läßt, und das Männchen sich etwas erholt hat, verläßt es das Blatt, zerrt das Weibchen hinter sich her und fliegt über den Wasserspiegel, und dort wippt es auf und wippt es nieder, taucht das Weibchen in das Wasser und zwingt es, seine Eier fallen zu lassen.
So ganz ungefährlich ist diese Art und Weise, für Nachkommenschaft zu sorgen, nicht; alle Augenblicke plantscht es, und dort, wo soeben noch das Libellenpaar schwebte, zieht das Wasser Kreise, denn ein Hecht hat das Weibchen erfaßt und es mit dem Männchen zusammen unter das Wasser gezogen, und ab und zu fährt auch ein hellgrüner Pfeil mit himmelblauer Spitze auf ein eierlegendes Libellenpaar hin, ein scharfer Schrei ertönt, und fort streicht der Eisvogel, die Wasserjungfern im Schnabel. Auch der Würger macht sich ihre Sorglosigkeit zunutze, rüttelt über ihnen, faßt sie und trägt sie seinen Jungen zu, die ihn mit durchdringenden Rufen bewillkommnen.
Am traurigsten aber ergeht es den ermatteten Libellen, die an den seichten Stellen in das Wasser fallen. Es ruckt alle Augenblicke an ihnen; bald werden sie halb, bald ganz unter Wasser gezogen, denn vielerlei Feinde lauern dort auf sie. Da sind die Stichlinge, ganz freche, unverschämte Gesellen, die zu zweien und dreien an der halbtoten Libelle herumzupfen und ihr ein Stück nach dem anderen aus dem Leibe reißen; da sind die Schwimmkäferlarven, unheimliche, fingerlange Geschöpfe, die wie ein Pfeil angeschossen kommen und ihre Giftzangen in das zappelnde Tier schlagen; auch die großen Larven der Frösche und der Knoblauchkröten zerren an ihnen herum, und Wasserskorpione und Pferdeegel quälen sie gleichfalls zu Tode.
Leicht und lustig erscheint auf den ersten Anblick ein Leben, wie es die Libellen führen, dahinflatternd in Sonne und warmer Luft über die schimmernde Flut, ein Leben, fröhlich wie ein Spiel, heiter wie ein heller Traum. Aber hinter allem Leben steht der Tod, bei jeder Lust der Schmerz, und die silbernen Flügel im Spinnennetze, die goldenen Kreise auf dem Wasserspiegel, unheimliche Zeichen sollten es den leichten Fliegern sein, die hurtig und behende über den Teich huschen.
Sie aber wissen nichts von Not und Tod. Nur wenn tagelang der Regen herniederrieselt und sie hilflos im Grase hängen, mag vielleicht ein Schatten von Angst und Sorge auf ihr kleines Bewußtsein fallen.
Vielleicht aber auch dann nicht einmal. Die Sonne und die Wärme ist ihr Leben; fehlt ihnen beides, so mögen sie nicht viel mehr bewußtes Leben haben als das Blatt am Baum, als die Blüte am Stengel.