23. Erzgebirger beim ersten sächsischen Volkstrachtenfest.

An dem Festzuge des ersten sächsischen Volkstrachtenfestes am 5. Juli 1896 in Dresden haben auch die Erzgebirger sich beteiligt und manche ihnen noch eigentümliche Tracht aufgewiesen. Die erste Abteilung des erzgebirgischen Zuges bildeten die Bergleute, und zwar zunächst die Farbenwerk- und Hüttenleute mit Zimmerlingen und Maurern mit Musikkorps, sodann die Gruppe aus den Blaufarbwerken in Oberschlema und Pfannenstiel. Der Gruppe aus dem Kupferhammer »Grünthal« folgte die Gruppe der Kohlenbergleute. Dem Bergmannszug schlossen sich noch Bauern und Hausierer aus dem Erzgebirge an. Hierzu gehörten Löffelhändler aus Beyerfeld, Spielwarenhändler aus Grünhainichen und Kastenleute aus Jöhstadt. Den Schluß des Zuges bildete ein vollständig ausgerüsteter erzgebirgischer Lastwagen, der vom Fuhrwerksbesitzer Israel in Löbtau gestellt wurde.

24. Der Streittag.

Streiten ist an sich keine löbliche Eigenschaft, und am allerwenigsten scheint ein sittlicher Grund vorzuliegen, die Erinnerung an einen Streit in einem alljährlich wiederkehrenden, festlich begangenen Tage festzuhalten und auf die kommenden Geschlechter zu vererben. Und doch haben unsere biederen sächsischen Bergleute dies Ungeheuerliche fertig gebracht und sie feiern alljährlich ihren »Streittag« als einziges und höchstes Bergfest, im Schneeberger Bergrevier und auch wohl in anderen am Tage Maria Magdalena, den 22. Juli. Die Grundlage dieses Festes bildet das gewiß begreifliche Verlangen der geplagten Bergleute, wenigstens an einem Tage im Jahre von ihrer saueren Arbeit »tief unter der Erd'« ausruhen zu dürfen. Denn im Dienste der Sicherheit und Regelmäßigkeit des Betriebes giebt es bekanntlich im Bergbau keine eigentliche »Sonntagsruhe«, sondern unablässig arbeitet im Schachte das sogenannte »Kunstgezeug« weiter, wie das von dem auf der Halde stehenden Zechenhäuschen erklingende Bergglöckchen mit seinem regelmäßigen »Kling« anzeigt. Zur Bedienung des »Kunstgezeugs« aber, das den gesamten für den Grubenbau unentbehrlichen Maschinenbetrieb zur Entfernung bez. Nutzbarmachung der Grubengewässer, der Förderung des Gesteins, Beförderung der Belegschaft, d. h. der Mannschaften, u. s. w. zu ordnen hat, sind Menschenkräfte unentbehrlich, und würde einmal plötzlich das Bergglöckchen sein eintöniges »Kling« nicht vernehmen lassen, so wäre die bange Furcht, daß die finsteren Mächte des Abgrundes wieder einmal ihr unheimliches Zerstörungswerk begonnen haben, leider nur allzusehr begründet. Da haben nun vor Zeiten – urkundlich läßt sich das Datum nicht genau feststellen – die Bergleute sich jenen Tag »erstritten«, um frei von den Sorgen ihres schweren Berufs einmal sich und ihren Familien ganz angehören zu können. Damit soll nicht gesagt sein, daß an diesem Tage der Bergwerksbetrieb gänzlich eingestellt sei, das ist eben nach unseren obigen Darlegungen undenkbar. Aber die nur irgendwie abkömmlichen Mannschaften feiern an diesem Tage, und wer sonst, um seinen Verdienst zu erhöhen, neben der Nacht- noch eine Tagschicht verfuhr – jede annähernd 10 Stunden umfassend – der verzichtet heute gewiß auf letztere und jede anderweite Nebenbeschäftigung (Holzschnitzerei, Musikmachen, Garten- und Feldbau u. a.). Daß man aber den Tag als höchstes Fest begeht, zeigt auch die Paradeuniform, die heute selbst den einfachsten Ganghäuer schmückt. Die schönste Zierde des Festes aber, will uns bedünken, und zugleich ein rührendes Ueberbleibsel aus der oft zu Unrecht verspotteten »guten, alten Zeit« bildet die feierliche Kirchenparade der Belegschaft des Reviers mit nachfolgendem Festgottesdienst in der Hauptkirche. Die Bergleute waren es bekanntlich, deren unverfälschter frommer Sinn frühzeitig die Irrlehren der römischen Kirche erkannte und sich dem evangelischen Glauben zuwandte. Noch heute erinnert ein mit einem Bibelbuch und einem Kelche (aus Eisen) geschmückter gewaltiger Granitwürfel inmitten des Schneeberger Grubenreviers auf dem »hohen Gebirge« an die Knappschaftskapelle zu »St. Anna«, in der schon im Jahre der Uebergabe der Augsburger Konfession (1530) evangelisch gepredigt wurde.

Die Kirchenparade der Bergleute am 22. Juli gestaltet sich besonders in der ehrwürdigen Bergstadt Schneeberg zu einem hervorragend merkwürdigen und glänzenden Schauspiele. Nicht nur, daß sich die Bergleute in ihrer altertümlichen Tracht hier auch in größerer Anzahl beteiligen – jetzt etwa 500 Mann, vor 20 Jahren mochten es über 800 gewesen sein –, sondern auch des gewaltigen Gotteshauses wegen, wohin sich der Zug zur Festfeier bewegt. Die Schneeberger Hauptkirche, auf dem höchsten Gipfel des Berges gelegen, welcher der Stadt ihren Namen gab, ist, aus dem Ertrage der Gruben erbaut, schon in ihrem gewaltigen Umfange ein Zeugnis frommen Bergmannssinnes und dem Bergheiligen St. Wolfgang geweiht. Weit und licht, ohne beengende Emporen, an deren Stelle ein in drittel Höhe um das ganze Gotteshaus herumlaufender Prozessionsgang tritt – der Bau wurde im Jahre 1516 katholisch begonnen, im Jahre 1540 aber vollendet und die Kirche evangelisch eingeweiht –, gehört das Gotteshaus, das entsprechend seiner spätgotischen Bauart vor nicht zu langer Zeit innerlich prächtig erneuert ward, zu Sachsens größten Kirchen, dem nicht einmal die St. Annakirche in Annaberg trotz ihrer gewaltigen Größe gleichkommt. Die ehernen Zungen des harmonischen Geläutes (G-dur), darunter Sachsens größte Glocke, die weit über 100 Zentner schwere »Donnerglocke«, begrüßen die in festlichem Zuge Nahenden. Eine besondere Gruppe, die wegen ihrer kleidsamen und eigenartigen Tracht stets ungeteilteste Aufmerksamkeit erregt, sind die Blaufarbenarbeiter. Ihre blinkend weißen, faltigen Blusenhemden, geschmückt mit den nötigen Rang- und Arbeitsabzeichen, stehen seltsam mit den schwarzen, grün gesäumten Paradeuniformen der übrigen Bergleute, deren Lederzeug (Berg- und Knieleder) heute blankgeputzt ist. Altertümlich nimmt sich bei allen auch der federgeschmückte Tschacko aus, während die bergmännischen Werkzeuge – Hammer, Schlägel, Fäustel, Spitzhacke etc. – dem Ganzen ein etwas militärisches Gepräge verleihen. Weniger soldatisch mutet uns die eigenartige Gangart der Bergleute an, die ihnen offenbar infolge ihrer Berufsarbeit zur andern Natur geworden ist: wir meinen das Vorbeugen der Knie bei jedem Schritt. Der Volkswitz nennt daher den uralten Marsch, nach dessen getragenen Klängen der Einzug erfolgt, nicht übel den »Kniebiegel«. Im Gotteshause gebührt der Berggemeinde an diesem Tage der unbedingte Vorrang, ja, in früheren Jahren mußten ihr sogar die sogenannten »gelösten« Kirchenstühle aufgeschlossen und freigegeben werden. Als Zeugnis für die festliche Bedeutung des Tages mag endlich noch der Hinweis dienen, daß, wie an hohen Festen, auch der jeweilige Oberpfarrer und Superintendent die »Bergpredigt« zu halten hat. Nach beendetem Festgottesdienst zerstreut sich die Berggemeinde, die sich übrigens nur aus den männlichen Familiengliedern zusammensetzt, soweit diese beim Bergbau beschäftigt sind, in alle vier Winde.

Leider hat selbst unter den einst ihrer Frömmigkeit wegen bekannten Bergleuten die Vergnügungssucht weit mehr Platz gegriffen, als bei der einfachen Lebensführung, zu der die meisten dieser Familien genötigt sind, erwartet werden dürfte und ihnen gut ist. Das junge Volk begiebt sich zu Spiel und Tanz bei Bier und Branntwein und nur wenige der Bergleute von altem Schrot und Korn ziehen es vor, daheim bei Weib und Kind zu feiern und beim Klange der immer mehr in Vergessenheit geratenden, teilweise recht anmutigen Bergmannslieder, die höchstens noch um Weihnachten allgemeiner gehört werden, oder im harmlosen Gespräch über des liebgewonnenen Standes Würde und Bürde die schönere Vergangenheit zu neuem Leben zu erwecken. Einige suchen wohl auch die benachbarten schattigen Wälder auf, um die gerade ihnen so überaus nötige ozonreiche, würzige Luft zu genießen. Denn im allgemeinen ist der Bergmann wie der Erzgebirger ein Stubenhocker, der beim geringsten Luftzug zu erkranken fürchtet und daher äußerst selten, und auch dann nur mit wohlverwahrtem Hals und Kopf, das Freie aufsucht, wobei ihn manchmal selbst im Hochsommer ein Bedauern überkommen mag, daß nicht auch hier, wie daheim, ein lustiges Feuer im Ofen prasselt. Gleichwohl bildet der »Streittag« als einziges wirkliches Bergfest einen der seltenen Lichtblicke im Leben des anspruchslosen schwarzen Völkchens droben, und wenn es an demselben mit sprichwörtlicher Zähigkeit festhält, so begreifen und billigen wir das nicht bloß vom materiellen, sondern weit mehr vom idealen Standpunkte aus. Denn gerade in dieser Zeit der Ernüchterung und des platten Materialismus ist es mehr denn je geboten, die spärlichen Reste von Poesie und idealem Sinn, die unser Volks- und Berufsleben noch aufweist, sorgsam zu hüten und zu bewahren. Ein solcher Hauch von Poesie verklärte auch dereinst das harte Bergmannsleben, und wer nur ein einziges Mal Anackers leider jetzt so selten gewordenen »Bergmannsgruß«, der, wie Verfasser sich wohl entsinnt, früher selbst in den Schulbüchern zu finden war, mit seiner mächtig ergreifenden »Steiger-Arie«, seinen zarten Familienszenen u. s. w. gehört hat, der wird auch verstehen, warum der echte und rechte Bergmann selbst heute noch mit Begeisterung an seinem schweren Berufe hängt; es ist etwas von dem Himmelssegen, den auch dieser Beruf in sich trägt, wenn anders nur die, welche ihm angehören, sich aus der Tiefe nach oben zu erheben wissen. Und das bedeutet auch der alte sinnige Bergmannsgruß: »Glück auf!«

Nach dem Wochenblatte.


Dritter Abschnitt.
Die Besiedelung des Obererzgebirges.