Die Annaberger empfingen ihn mit Freude, die Wolkensteiner und Marienberger ergaben sich auf bloße Aufforderung. Die Ratsherren dieser Städte waren zwar gegen sofortige Ergebung, allein das Volk, das Moritz als Verräter ansah, riß die Gewalt an sich. Oederan und Zschopau wurden am 27. und 28. März durch Thumshirn nach Annaberg zur Huldigung befohlen. Auch Joachimsthal nahm dieser ein und veranlaßte dadurch den Aufstand in Böhmen gegen Kaiser und König, der dort schon lange gärte. Wäre Thumshirn in der eingeschlagenen Richtung weiter vorgerückt, so hätte er Ferdinand und Moritz, die mit ihren Truppen von Freiberg über Lauenstein nach Teplitz und Brüx zogen, um sich in Eger mit dem Kaiser zu vereinigen, den Weg abschneiden können. Moritz selbst war als letzter aus Freiberg am 24. März abgezogen, um den üblen Eindruck seines fluchtartigen Aufbruchs zu verwischen. Sein Zug ging über Frauenstein, Sayda und Klostergrab nach Brüx. Thumshirn aber benutzte seinen Vorteil nicht, sondern plünderte das herzogliche Schloß zu Marienberg und zog weiter brandschatzend durch das sächsische Erzgebirge. Am 3. April fiel Chemnitz, am 8. Freiberg und das Amt Schellenberg bei Chemnitz.
Trotz dieser Erfolge zog sich das Verderben dunkel und drohend über die Kurfürstlichen zusammen. Lange hatte der Kaiser gezögert, ob er sich um seiner Krankheit willen pflegen oder ins Feld ziehen solle. Da verbreitete sich plötzlich die Nachricht, daß der Zug nach Sachsen beschlossen sei. In Eger war noch in Gegenwart des Kaisers das Osterfest feierlich begangen worden. Am 10. April rückte Herzog Moritz, dem das ganze kaiserliche Heer folgte, mit einem Vortrab im Vogtlande ein. Am 16. April unternahm der Obrist Kruda mit 800 Reitern, einigem Fußvolk und Geschütz einen Ausfall von Zwickau nach Schneeberg, das sich nach kurzer Gegenwehr ergab, worauf der Obrist das Ratskollegium und die höheren Bergbeamten mit fortschleppte und erst nach Erlegung einer Summe von 500 Gulden wieder losgab. Am 16. April war der Kaiser selbst in Werdau. Das nachbarliche Zwickau vermied er absichtlich, weil dort eine fürchterliche Seuche wütete. – Der weitere Verlauf des schmalkaldischen Krieges bis zu dem Unglückstage auf der Lochauer Haide bei Mühlberg an der Elbe ist allenthalben bekannt. Als die aufrührerischen Böhmen von der Niederlage des Kurfürsten hörten, unterwarfen sie sich kläglich und ließen Thumshirn mit seinen 4000 Fußknechten und 600 Reitern im Erzgebirge im Stich. Moritz beeilte sich nun, diesem Rest der kurfürstlichen Truppen die Erzgebirgspässe zu verlegen. Es gelang ihm nicht. Thumshirn brach durch und vereinigte sich mit des Kaisers Feinden. Bald ertönten die Friedensglocken auch im Erzgebirge, aber der ersehnte Frieden mochte nicht kommen. Lange noch raubten und plünderten die unbezahlten Söldnerscharen im armen, unglücklichen Lande.
c. Drangsale in Schneeberg.
Obgleich nun am 24. April schon der Kurfürst Johann Friedrich auf der Lochauer Haide Schlacht und Kurhut verloren hatte, so schwärmten doch noch später kurfürstliche Truppen unter dem bekannten Obersten von Thumshirn hier im Gebirge umher. Es war, wie es scheint, die Kunde von des Kurfürsten Mißgeschick sogar da noch nicht bis hierher gedrungen, als an einem schönen Frühlingstag, Sonntag Jubilate am 1. Mai um 10 Uhr vormittags, eine stattliche Reiterschar von Zwickau her durch die Zwickauer Gasse nach der sogenannten Fürstengasse, dem heutigen Fürstenplatz in Schneeberg, hereingetrabt kam. Es waren vornehme Kavaliere, unter ihnen ein Kaspar von Stadion, also wohl ein Württemberger. Die Schneeberger aber, die etwa bei der Hand waren, um die glänzenden Reiter anzustaunen, mögen thatsächlich wohl Mund und Nase aufgesperrt haben, denn von den lauten Reden, die die Herren wechselten, als sie sich vor Wenzel Gassauers Gasthof – dem späteren Fürstenhaus, einem Gebäude, das wechselvolle Schicksale gehabt – von den Rossen schwangen, haben die Zuschauer wenig verstanden, da hauptsächlich Spanier und Italiener sich darunter befanden. Vielleicht ist einer von den Bergleuten, die in der Umgegend wohnten, dann später den Leuten des Thumshirn in die Hände gelaufen, oder es hat ein treuer Anhänger des Kurfürsten – und das scheint bei der damals in den Bergstädten vorhandenen Gesinnung gegenüber den katholischen Hilfstruppen des Herzogs Moritz wahrscheinlicher – Botschaft hinüber in die Annaberger Gegend, wo die kurfürstlichen Völker streiften, gesendet. Fast möchte man der Zeit nach freilich glauben, daß diese schon nach unserer Gegend her unterwegs waren, denn gerade als die 28 kaiserlichen Offiziere unter fröhlichem Scherzen und Lachen beim stattlichen Mahle waren, »etwan nach Mittags um 1 Uhr« heißt es in der Chronik, da kam ein starker Haufe der Thumshirnschen Reiter zum Hartensteiner Thor herein. Sie mögen wohl durch Nebengassen heranschleichend das Haus umstellt haben, einen Warner für die Schmausenden hat es aber nicht gegeben, denn urplötzlich brach das Verhängnis über sie herein. Kaum hatten sie Zeit, nach der Wehr zu eilen, ein fürchterliches Getöse entstand. Die Überraschten und vom Wein vielleicht schon etwas Bemeisterten vermochten nichts gegen die Übermacht. Ob sie sich auch tapfer zur Wehr setzten, einige auch die Thür gewannen und die Treppe hinab mit wuchtigen Hieben sich Bahn brachen, die Gegner waren zu stark, hier und da brach einer blutend zusammen, zwölf wurden ihrer niedergemacht und einer, der sich auf die Oberstube des Nebenhauses gerettet, dort zum Fenster heruntergestürzt; die übrigen gaben sich gefangen.
Nach Dr. Jakobi.
43. Der Dreißigjährige Krieg im oberen Erzgebirge.
a. Kurfürst Johann Georgs I. Verteidigungswerk.
Schon im Jahre 1613, als die in Böhmen ausgebrochenen Religionsstreitigkeiten und Unruhen immer bedenklicher wurden, errichtete Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen für sein ganzes Land, um dasselbe möglichst wehr- und kriegsfähig zu machen, ein sogenanntes Verteidigungswerk, d. h. eine Art von Land- und Bürgerwehr, wozu durch besondere Ausmusterungen die kriegstüchtigen Männer aus den Städten und Dörfern ausgehoben und in besondere Haufen gebracht wurden.
So bestand das Freiberger Verteidigungswerk aus der Mannschaft, die nicht allein aus der Stadt und dem Amtsbezirke, sondern auch aus dem Wolkensteiner, Grünhainer und Tharandter Amte genommen war und zusammen 520 Mann ausmachte. Diese Mannschaften mußten von den betreffenden Städten mit den nötigen Waffen und den vorgeschriebenen Ausrüstungsstücken, nämlich grauen Röcken mit roten Aufschlägen, roten Tuchstrümpfen und schwarzen Hüten versehen werden. Zum Unterhalte dieser Verteidiger wurde im ganzen Lande eine Steuer ausgeschrieben, wozu jede Stadt nach Verhältnis beizutragen hatte. Die Marienberger Stadtgeschichte berichtet, daß von diesem Orte allein im Jahre 1631 nicht weniger als 513 Gld 9 Gr 2 Pf Angeld und 43 Scheffel 9½ Metze Hafer an das Amt Augustusburg abgegeben werden mußten. Im genannten Jahre, wo die Kriegsunruhen die sächsischen Grenzen bereits aufs schlimmste bedrohten, wurden von den erwähnten Verteidigern viele an die sächsisch-böhmische Grenze geschickt, um da in Gemeinschaft mit den gebirgischen Bewohnern alle Pässe zu verhauen oder wenigstens zu bewachen und das Eindringen von feindlichen Streifhorden aus Böhmen zu verhindern.
Nach Donat-Holzhaus.