Von den Bildern, welche die Brüstung der Empore der St. Annenkirche in Annaberg zieren, trug das 28. Bild, Kains Brudermord darstellend, die Inschrift der Stifter »Michael Lotter und Barbara, dessen Ehefrau«. Dies waren die Eltern des berühmten kurfürstlichen Baumeisters Hieronymus Lotter. Michael Lotter war mit seiner Familie 1509 von Nürnberg nach dem rasch emporblühenden Annaberg eingewandert und hatte es hier durch seine Rührigkeit zu Ansehen und Wohlstand gebracht, sodaß ihm seine Mitbürger das Amt eines Bürgermeisters übertrugen. Sein Sohn Hieronymus hatte sich dem Baufach gewidmet und Leipzig als Schauplatz seiner Thätigkeit gewählt. Hier baute er das Kornhaus auf dem Brühl, das Badstubenhaus am Ranstädter Thor, erhöhte den Nikolaikirchturm und versah ihn mit einer Wächterwohnung, brach das alte Rathaus ab und vollendete den Neubau bis zur Bewohnbarkeit innerhalb 9 Monaten. Fremde Kaufleute, die zur Ostermesse den Anfang des Neubaues mit angesehen hatten, waren, als sie zur Michaelismesse wiederkehrten, »mit Verwunderung über so unverhofften Fortgang fast erstarret«. Kurfürst Moritz übertrug dem Baumeister Lotter, die Pleißenburg als Schloß und Festungsbau neu herzustellen. Sein Nachfolger, Kurfürst Vater August, ehrte seinen Baumeister auch dadurch, daß er, so oft er in Leipzig allein oder in Begleitung seiner Gemahlin erschien, in Lotters Behausung abstieg. Die Leipziger Bürger wählten den hervorragenden Baumeister zu ihrem Bürgermeister.

Mit dem Jahre 1560 finden wir Hieronymus Lotter in der Bergstadt Geyer. Er kaufte den Preußerhof, einen mit »Gerichten über Hals und Hand« versehenen Freihof. Der Freihof stand an der Stelle, an welcher sich die frühere Bürgerschule, die jetzige Posamentenfabrik des Herrn Hermann Dietzsch, befindet. Später erwarb Lotter das Rittergut Geyersberg mit etlichen nahestehenden Bürgerhäusern, die er zum Teil abtrug, als er sein Wohnhaus von Grund aus neu aufführte. Dieses Wohnhaus steht heute noch und befindet sich im Besitz des Herrn C. M. Schürer. Überhaupt begann mit Lotter in Geyer ein neues Leben. Durch seine Kunstfertigkeit zur Baulust angeregt, ließ der Rat die beiden damals vorhandenen Brauhäuser und den Rathausturm neu herstellen, den Wachtturm mit einer Türmerwohnung und mit Glocken versehen. Letztere waren besonders dazu bestimmt, die Bergleute nach achtstündiger Schicht zum Gebet und zur Arbeit zu rufen. Lotter unterhielt allein 300 Bergleute; denn er besaß den größten Teil des Geyerschen Zinnbergbaues nebst 8 Pochwerken, die teils in der Stadt, teils am Greifenbache lagen.

Wie in Leipzig, so war auch auf dem Lotterhofe, so hieß das Rittergut von nun an, der Kurfürst nebst Gemahlin, so oft sie im Gebirge weilten, Lotters Gast. Hier im kleinen Schreibstüblein suchte Kurfürst August seinen Baumeister zu bestimmen, ihm auf dem Schellenberge ein Schloß, die spätere Augustusburg, zu erbauen. Als ob Lotter geahnt hätte, wie viel Beschwerlichkeit, Kümmernis und Undank gerade dieser Bau ihm einbringen werde, ging er anfangs nicht auf den Plan ein, sondern schob sein hohes Alter – er stand damals in seinem 69. Lebensjahre – vor. Erst durch die Kurfürstin ließ Lotter sich bestimmen, ihrem Herrn und Gemahl die Bitte nicht abzuschlagen.

Lotter hat den größten und schwierigsten Bau seines Lebens nicht vollendet. Es wurde ihm die schmerzliche Demütigung, daß man den Bau kurz vor seiner Vollendung dem Grafen Rochus von Linar übertrug. Dem ungeduldigen und äußerst sparsamen Kurfürsten ging der Bau zu langsam und verschlang zu große Summen. Dazu mag noch gekommen sein, daß Neider dem Kurfürsten ins Ohr flüsterten, Lotter bereichere sich an den Baugeldern, während es doch Thatsache ist, daß er von der kurfürstlichen Kasse 15 000 Gulden zu fordern hatte, die ihm nie ausgezahlt worden sind, und ferner Thatsache ist, daß der reiche Leipziger Bürgermeister und Bauherr wenige Jahre nach der Vollendung der Augustusburg ein armer Mann war.

Tiefgekränkt zog sich Lotter auf seinen Geyersbergischen Hof zurück. Aber auch hier erwartete ihn wenig Freude. Die bergmännischen Unternehmungen waren mißglückt, die Seinigen drängten ihn um Herausgabe des Erbes, kurz, der 82jährige Greis sah nur trübe Tage. Am 24. Juli 1580 legte er sein müdes Haupt für immer zur Ruhe. Auf dem Altarplatz der St. Lorenzkirche zu Geyer ist Lotter begraben worden.

Und heute!

Eine der schönsten Straßen Geyers führt nach dem kurfürstlichen Baumeister den Namen: Hieronymus Lotter-Straße. Am 8. Oktober 1893 brachte der Verein der Leipziger Architekten an Lotters Sterbehause, das ist das von ihm erbaute Wohnhaus des Rittergutes, eine Gedenktafel an, welche folgende Inschrift trägt:

In diesem Hause starb
Leipzigs großer Baumeister
Hieronymus Lotter
im 83. Lebensjahre 1580.
Dem alten Meister
zu seinem Gedächtnis
Leipzigs Architekten 1893.

Hermann Lungwitz.

4. Geyer während des dreißigjährigen Krieges.