So nehmen die Dinge ihren guten Verlauf, und die Baukasse wird kaum einmal magerer.

Endlich ist auch der Tag nahe, an dem die Aufrichtung des Hauses vonstattengehen kann. Hierzu genügen die Kräfte zweier Menschen nun freilich nicht, und darum entschließt sich Erdme auf des Taruttis Rat, bei den Nachbarn herumzugehen und sich eine Talka zusammenzubitten.

„Talka“ heißt auf deutsch „Arbeitsgesellschaft“, und auf solchen gemeinsamen Hilfeleistungen beruht vieles, was unter diesen armen Menschen, die gemietete Hände niemals bezahlen könnten, an Tüchtigem zustandekommt. Dafür erweist man sich dann später dankbar, wenn der Ruf an einen selber ergeht, und alles schließt mit einer fröhlichen Bewirtung, so viel oder so wenig der Bittende zu geben vermag.

Taruttis bezeichnet der Erdme mit der Hand die Häuser, in denen sie vorsprechen kann, und die, an denen sie vorbeigehen muß. Dort wohnt einer, der hilft nicht, aber dort wohnt einer, der hilft, weil man ihm selber geholfen hat.

Zu dem, der wohl hundert Schritt weit auf der anderen Seite des Weges sein kleines Anwesen hat, geht Erdme zuerst.

Er heißt Witkuhn, stammt aus dem Goldapschen und ist weit in der Welt herumgewesen. Sogar die Moorwirtschaft im Westen soll ihm bekannt sein, so daß er schon manchem der Langeingesessenen einen guten Ratschlag hat geben können.

Erdme findet einen blonden, scheuen Mann zu Mitte der Dreißig, der die Gewohnheit hat, beim Reden irgendwohin ins Leere zu blicken, und dabei zittert ihm immer der Unterkiefer. Wie er die Erdme daherkommen sieht, die frisch von der Arbeit weg, mit hochgebundenem Rock und aufgeschlagenen Ärmeln, über die Äcker schreitet, macht er große Augen vor ihrer Glieder Pracht, um dann erst — gleichsam erschrocken — den Blick von ihr wegzuwenden.

Er spricht ein richtiges, aber fremdklingendes Litauisch, etwa wie die Pfarrer sprechen, die es erst später gelernt haben, und sieht überhaupt aus wie ein verkappter Deutscher. Aber er ist gut und höflich zu ihr — nur, daß er sie nicht ansehen kann.

Seine Frau kommt später zum Vorschein. — Eine Halblitauerin ist auch sie, klein und kümmerlich — ach Gott, wie sehr! —, mit grauer Gesichtsfarbe und abgemüdeten Augen. Sie wirft einen neidischen Blick auf Erdmes kräftige Gestalt, begrüßt sie dann aber ganz freundlich.

„Wenn wir nun Nachbarn werden,“ sagt sie, „möge Gott geben, daß Frieden zwischen uns bleibt.“ Und dabei sieht sie nicht Erdme, sondern ihren Mann an, der auch vor ihr den Blick zur Seite wendet.