„Jetzt muß ich wohl bald heimgehen,“ dachte sie. Da kam das Schaudern wieder, das sie auf dem Wege zum Wolfsnest schon einmal zurückgejagt hatte.
„Was soll ich eigentlich dort?“ dachte sie weiter. „Sobald er mich sieht, wird er mich quälen, und die Dienstleute werden nicht wissen, ob ich ihnen noch was zu befehlen hab’. Hier gehör’ ich her. Zu meinem Jurrischen. Hierher auf den Kirchhof.“
Und sie beugte sich zur Seite und küßte das Grab, aber ihr kam davon nur Sand zwischen die Zähne. Und mutlos gedachte sie kommender Zeiten.
„Das Kind wird er mir wohl bald wegnehmen,“ dachte sie. „Denn ich bin für ihn gar nicht mehr eine richtige Mutter. Bloß die Gimdywe — die Gebärerin — bin ich ihm noch. Ein Kind habe ich ihm zu beschaffen anstatt des anderen, das er verstoßen hat, und dann kann ich abgehen. Er wird schon dafür sorgen, daß sie mich bald hierher auf den Kirchhof fahren.“
Und ihr war zumut, als bliebe sie am liebsten gleich hier.
Und dann dachte sie an alle die Erniedrigungen, die er ihr zugefügt hatte seit jenem Sturmtage, an dem der Jurris ertrank, und an alle die, die er ihr noch zufügen würde — er und der Helfer, mit dem er drohte.
Und sie sagte zu sich: „Nun hab’ ich ihm umsonst prophezeit, daß ich ins Haff gehen werde, wenn er der Alten meine Schande verrät. Denn was er jetzt selber in die Welt hinausschreit, ist ebenso schlimm wie das, was sie damals zu erzählen gehabt hätte.“
Und wie das Bild der Alten vor ihr lebendig wurde, überfiel sie plötzlich ein Erschrecken, so furchtbar, daß sie vom Grabe in die Höhe sprang und wie eine Unvernünftige drum herumlief.
Wenn der Helfer, der Peiniger, den er sich kommen lassen wollte, niemand sonst als die Wilkene, die Wölfin war? Was dann? Wohin dann?
Sie rannte nach rechts und rannte nach links, als wollte sie ihr entrinnen, und wußte doch nicht wie. Sie anzuzeigen, dazu war es gewiß zu spät, und sie hatte auch nicht den Mut mehr. Wenn das noch zu fürchten gewesen wäre, hätte der Jozup die Mutter niemals zurückgeholt.