»O, so lesen Sie es nicht,« sprach er, »der fromme Ort würde Ihnen dadurch entweiht.«

Ich nahm mir fest vor, dieses Gedicht nie zu lesen, allein, o Himmel, auf dem Heimwege fing Professor Monz mit einem Mal an zu deklamieren:

»Ottilie, du wunderliches Mädchen,
Wie bist du doch so seltsam hier gefahren,
Verborgen hast du dich in jungen Jahren
Und ausgesucht die allerwildsten Pfädchen.

Traun! Stünde damals schon das schöne Städtchen,
Du hättest dich gesellt den frohen Paaren,
Die Myrte prangte dann in deinen Haaren,
Und anders drehte sich dein Lebensrädchen.«

Eingedenk der Worte Professor Schmidts nahm ich all meinen Mut zusammen, indem ich ausrief:

»Halten Sie ein, Herr Professor, unsere heilige Ottilie ist uns lieber als die Ihrige.«

Worauf er lachte, während Professor Schmidt, der vor uns herging, sich umwandte und mir zunickte.


30. 5. Ist es vermessen oder anmaßend oder undankbar, daß ich mich trotz allem, was ich an Liebe empfinde und besitze, doch immer noch heimlich nach einer Seele sehne, die ich bewundern, zu der ich aufsehen kann? Monz, den ich nun öfter sehe, ist wohl zu bewundern, denn mit ihm kommen neue Interessen in unser engbegrenztes Leben, was nicht hoch genug zu schätzen ist. Aber ihm fehlen die Grazien. Er ist rücksichtslos und doziert immerfort, als habe außer ihm kein Mensch etwas zu sagen, und besonders kränkt mich seine fast geringschätzige Art Schmidt gegenüber. Und es rührt mich in tiefster Seele, daß dieser die Demütigungen von seiten des Weltmenschen so wenig empfindlich, ja geradezu freundlich hinnimmt. Ach, ich weiß wohl, daß er der Bessere ist. Zugleich aber fürchte ich mich vor ihm, denn würde ich mich diesem seinen Einfluß ganz überlassen, so dürfte ich ja die Bücher nicht lesen, von denen Monz spricht, und die doch einen so heißen Wissensdurst in mir wachrufen.