24. 9. Das Projekt unserer Oberländer Fußreise, so lang schon entworfen und nie zur Wirklichkeit geworden, tauchte plötzlich wie aus heiterem Himmel von neuem in unsern sehnsüchtigen Herzen auf, und Caton war's, die mit Bitten nicht nachließ, bis Mutter erklärte: »Ja ja, Papale, lassen wir sie ziehen.«
Und so gingen wir wirklich in Reisekleidern und den Sonntagsschlapphüten, mit einem vollgestopften Ridikül und unserm Beschützer Hermann, der unsere Wäsche im Ränzlein trug, zum Tor hinaus, am 18. September, dem glänzendsten Herbsttag der Welt.
Vater begleitete uns eine Strecke Wegs, uns Lehren, Klugheitsregeln und Empfehlungen mit in die Fremde gebend. Alsdann, kaum hatten wir unsere Wanderschaft angetreten, saß Caton, die sich unter heißen Tränen von ihren Büblein verabschiedet hatte, schon hoch droben auf einem Leiterwagen, so daß Hermann, vom Ränzlein beschwert, neidisch ausrief: »Die klettert ja wie ein Bub!« Ich brachte es nur bis auf die hintere Deichsel des Wagens, war aber auch damit zufrieden und bedauerte Therese und Schwägerin Lotte, die den sonnigen Weg zu Fuß zurücklegen mußten.
Lotte sieht mit ihren vierundzwanzig Jahren wieder so jung und hübsch aus wie zur Zeit, da sie Xavers Braut war. Sie trägt wieder helle Kleider, und ich sah's ihren Augen wohl an, daß sie lieber zu Caton auf den Wagen geklettert wäre, als ernsthaft mit Therese einher zu wandeln.
Um halb zwölf kamen wir in Kirchhofen an, wo wir im Pfarrhause von Herrn Dekan auf das herzlichste empfangen und prächtig bewirtet wurden. Wir dankten und machten uns gestärkt auf den Weg nach unsrer nächsten Station, dem lieben Staufen. Wie zwei Kinder ergaben sich Lotte und Caton der Passion des Kleeblättersuchens, bei jedem Glücksfund laut aufschreiend und das liebliche Tal weithin mit ihrem Gelächter erfüllend.
Hermann machte sich an den Obstbäumen zu schaffen, und ich blieb erst recht zurück, indem ich versuchte, den sich immer mehr nähernden Schloßberg von dieser Seite in meinem Skizzenbuch festzuhalten. Theresens Mahnen wurde jedoch immer dringender, denn schon verkündete ein frischerer Luftzug den nahen Abend, und nur das Städtchen, dem wir zustrebten, lag noch im Glanze der untergehenden Sonne. Oh, wie kam uns da mit dem Anblick der befreundeten Wiesen, Berge und Hügel mit einem Male die erste freudige Erinnerung an unsere Kinderzeit!
Wir stürmten auf den Marktplatz mit dem alten Marktbrunnen und dem stattlichen, mit einem Dachreiter gekrönten Rathaus. Aber weiter, weiter, die Gasse hinunter, an der sich langziehenden Mauer vorbei – und wir standen vor dem lieben Haus mit dem efeuumsponnenen Turm – und gegenüber an der Gartenmauer der liebe kleine Brunnen. – Hermann lief gleich darauf zu, um zu trinken, Caton schwang den Hebel. – »Wißt ihr noch,« rief sie, »wie oft wir geschmält worden sind, wenn wir's zu arg mit unserer Puppenwäscherei trieben?«
Dann ging's die Turmtreppe hinauf – oh, ein Gezwitscher, Gelächter, ein Getrippel unbeschreiblich ungeduldiger Füße. Der Herr Oberamtmann erschien mit dem Zereviskäpple:
»Was ist denn los?«