Vieland. Wursten.
Das Vieland — vom altfriesischen, mit „Sumpf“ gleichbedeutendem Worte „Vie“ — ist die Übergangsregion von der Fluß- zur Meeresstrandflora. Das Rohr nimmt ab, und dafür zeigen sich das Löffelkraut und andere Pflanzen des Meeresstrandes. In landwirtschaftlicher Beziehung steht dieser kleine Marschdistrikt oben an. Die Nähe von Bremerhaven, Geestemünde und Lehe, der vortrefflichen Absatzgebiete für die Produkte des Vielandes, trägt ungemein viel zu dessen stetig wachsendem Wohlstande bei.
Abb. 153. Im Bade von Norderney.
(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)
Land Wursten.
Das Land Wursten ist fast gänzlich von Seemarsch gebildet, doch tritt in seinem nördlichen Teil, der vom Hamburger Amte Ritzebüttel eingenommen wird, die Geest bis an den Elbstrom heran. Die Marsch Wurstens grenzt unmittelbar an das Geestland, deutliche Randmoore fehlen hier. Dem südlichen Teil des Landes liegt auf dem linken Weserufer der Langlütjensand gegenüber, vor dem mittleren und nördlichen Teile desselben breiten sich weitausgedehnte Watten aus. Besonders fest ist der Seedeich gebaut; in seiner jetzigen Stärke wurde derselbe erst in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts errichtet und durch einen großen Umzug sämtlicher Bauern Wurstens zu Pferd und zu Wagen, durch einen feierlichen Gottesdienst in der Hauptkirche des Landes zu Dorum und durch ein Festessen eingeweiht. „In seiner Grundfläche 160 Fuß breit und nahe an 30 Fuß in seiner Höhe haltend, steht der Wurster Deich wohl als der stärkste Seewall der Provinz Hannover da. An schönen Sommertagen auf ihm zu lustwandeln ist einer der interessantesten Genüsse, gehoben durch die überraschenden Kontraste des segeltragenden Flusses, des mövenumschwärmten Watts und des fruchtbaren Landes mit seinen auffallend zahlreichen Kirchtürmen, Höfen und Dörfern im wogenden Saatenmeere“ (Allmers). Wursten ist 3,97 Quadratmeilen groß (= 21797 Hektaren) und hat eine Bevölkerung von 9000 Seelen, so daß auf die Quadratmeile 2264 Menschen kommen. Dorum mit etwa 1850 Bewohnern ist sein Hauptort und liegt etwa in der Mitte zwischen den vier südlichen Kirchspielen (Imsum, Wremen, Mulxum, Misselwarden) und den vier nördlichen (Paddingbüttel, Midlum, Cappel und Spieka). Die Kirchen sind klein und niedrig, an der Westseite mit einem dicken stumpfen Turm versehen und aus einem cyklopischen Mauerwerk von unbehauenen Findlingen aufgeführt. Der Boden Wurstens ist heller und sandiger als in den oberen Weser- und Elbmarschen, daher geeigneter zum Ackerbau, der die Haupterwerbsquelle der Bewohner bildet; nur im Süden des Landes wird auch Viehzucht getrieben. Der Name bedeutet so viel als das Land der auf den Wurten (Werften) sitzenden Bauern, der „Wurtsassen“, „worsati“ der lateinischen Schriftsteller, und des Plinius bekannte Beschreibung von unserer Nordseeküste paßt ganz für die ersten Ansiedelungen der Wurster, die sich schon in frühen Zeiten zu einem kühnen Seeräubervolk ausgebildet hatten. Die Bevölkerung ist rein friesischer Abkunft, und noch bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hinein hatte sich in Wursten die friesische Sprache erhalten, die jetzt nur noch in den Namen der Einwohner und der Ortschaften klingt. Von den alten Rechten der Wurster ist noch vielerlei erhalten geblieben, so die Landesversammlung zu Dorum, welche die Verwaltung der inneren Angelegenheiten des Landes, wie das Deich- und Sielwesen zu regeln hat.
Abb. 154. In den Dünen von Norderney.
(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)
Zwei große Übelstände im Lande Wursten, die sich übrigens auch in den übrigen Marschlanden mehr oder weniger fühlbar machen, sind das Marschfieber und der Mangel an gutem Wasser, so daß besonders in letzterer Hinsicht Winterkälte und dürre Sommer große Not hervorrufen.
Ihre besondere Freiheitsliebe und ihren großen Unabhängigkeitssinn haben die Wurster von alters her in vielen Kriegen bewährt, die meist von seiten der Bremer Erzbischöfe zu ihrer Unterwerfung gegen sie geführt worden sind, und selbst schreckliche Niederlagen, die sie erleiden mußten, und die argen Verwüstungen ihres Landes durch den Feind (1516 und 1526) hielten sie nicht ab, den Kampf für ihre Selbständigkeit immer wieder von neuem zu beginnen. In der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts trat in der Geschichte des Landes Wursten ein Wendepunkt ein. Des langen Haders und Kämpfens müde, entschlossen sie sich, dem Bremer Erzbischof billige Steuern zu zahlen, der dafür ihre Rechte anerkannte und gewährleistete. Später kam Wursten dann unter das schwedische, hierauf unter das dänische Scepter, im Jahre 1715 aber unter den Schutz des Kurhuts von Hannover. Seither hat es die Geschicke dieses letzteren Landes geteilt.