Eine Gesamtlänge von 90 Kilometer hat die Kette der ostfriesischen Inseln, die sich von der Jade im Osten bis zur Westerems hinzieht und erst eine ost-westliche Richtung bis einschließlich Norderney einnimmt, um dann mit den beiden westlichsten dieser Eilande, mit Juist und Borkum, nach Süden abzuweichen. Im Osten beginnt die Kette mit dem unter Oldenburgs Oberhoheit stehenden Wangeroog, nach Westen zu folgen Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum, zum Regierungsbezirk Aurich gehörig. Schmale Seegate trennen die einzelnen Eilande voneinander, bis auf das mitten im äußersten Mündungstrichter der Ems belegene Borkum, und mit Ausnahme dieses letzteren sind die Inseln auch alle wattfest. Ihre Größe ist verschieden angegeben worden, je nachdem man nur die Dünen und das bewachsene Grasland, oder auch den oft weit ausgedehnten Strand mit einbezieht. Wenn man als diesen letzteren das bei gewöhnlichem Hochwasser noch unbenetzte Areal begreift, so würde der Flächenraum der Inseln etwa 80 Quadratkilometer ausmachen. Der Körper der Eilande besteht aus einem sehr gleichmäßigen und feinen gelblich weißen Sande mit Beimengung von zahlreichen Titaneisenkörnern und von Kalk, dem Überreste der zerriebenen Muschelschalen, und diese gesamten Sandmassen ruhen wiederum entweder auf alten Sandbänken oder auf dem Schlick der Wattwiesen. Auch auf den ostfriesischen Inseln tritt uns die Dünenbildung in großartiger Weise entgegen. Buchenau, dem wir eine interessante und sehr wertvolle Darstellung dieser Eilande und ihrer Flora verdanken, schildert dieselbe wie folgt:
„Dem mannigfachen Aufbau der Dünen entsprechend ist denn auch der Anblick unserer Inseln ein überraschender. Er bietet sich am besten auf dem Watt von einem Fährschiff aus dar. Die Insel mit ihren mannigfach eingeschnittenen Erhebungen gleicht dann einem fernen Hochgebirge, und die Schwierigkeit der Schätzung von Entfernungen und Höhen auf der Wasserfläche verstärkt diesen Eindruck für den Landbewohner noch sehr. Das Gewirre der Sandhügel ahmt steile Gipfel und ausgedehnte Schneefelder, schroffe Einstürze und plötzliche Gletscherabstürze nach, und vor ihnen dehnen sich scheinbar bewaldete Berge und die flache Kulturebene aus.“
Abb. 165. Landungsbrücke von Borkum.
(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)
Bäume gedeihen nur im unmittelbaren Schutze der Dünen und Häuser. Auf den Dünen wachsen der Dünenweizen, die Dünengerste und besonders der Dünenhafer oder Helm, der bekanntlich durch seine Stöcke dazu beiträgt, die Düne zu erhöhen, und durch seine zähen, bis 5 Meter Länge erreichenden Wurzelausläufer mit ihren zahlreichen, nicht minder langen, geschlängelten Wurzeln die Düne durchzieht und sie auf solche Weise festigen hilft. Auf den Wattweiden grünen die Meerstrandbinse und der Krückfuß, in den Dünenthälern die Zwergweide, der stachelige Sanddorn u. s. f. Die Gesamtzahl der auf den ostfriesischen Inseln einheimischen höheren Gewächse beträgt etwa 400 Arten.
Unter der Tierwelt zeichnet sich der hier ungewöhnlich häufige Kuckuck aus, Strand- und Wasservögel beleben die Inselwelt, Fledermäuse, die Wühlmäuse und am Strande die Seehunde vertreten die Säuger, die früher hier zahlreichen Kaninchen sind ausgerottet worden. In neuerer Zeit wurden Hasen eingeführt, die sich auf einigen Inseln, so auf Langeoog, sehr vermehrt haben.
Die Bevölkerung ist echt friesisch; sie treibt Schiffahrt, Fischfang und da, wo es geht, etwas Ackerbau, so die Kartoffelkultur, immerhin aber nur in sehr beschränktem Maße. Die meisten ostfriesischen Inseln besitzen Rettungsstationen, und auf allen sind Nordseebäder, die, wie Borkum und Norderney, Weltberühmtheit erlangt haben. Das letztgenannte Eiland hat das besuchteste deutsche Nordseebad überhaupt und zählt jährlich etwa 24000 Badegäste. Starke Uferschutzwälle halten an den dem Andrang der Fluten ausgesetzten Stellen die brandenden Wogen der Nordsee ab und tragen zur Sicherung der auf den Inseln befindlichen Dörfer und Wohnstätten bei.
Wangeroog (Abb. [132]–[134]) steht über Karolinensiel-Harle mit dem Festlande in Verbindung. Als Seebad ist die Insel schon seit dem Jahre 1819 bekannt. Kirche und Dorf befinden sich auf dem Eiland. Spiekeroog (Abb. [135]–[137]) ist auf demselben Wege oder über Esens und Neu-Harlingersiel zu erreichen, und vom Dorfe bis zum Strand führt eine Pferdebahn. Auf Langeoog, das 1717 durch die Wogen mitten durchgerissen worden ist, so daß Kirche und Dorf zerstört wurden, ist ein vom Kloster Loccum verwaltetes Hospiz; das dortige aufblühende Seebad ist, wie dasjenige von Spiekeroog einfacheren Verhältnissen angepaßt (Abb. [138]–[142]). Über Esens und Bensersiel gelangt man dorthin, und über Dornum und Neßmersiel nach Baltrum, der kleinsten der sieben ostfriesischen Inseln, die ein Ost- und ein Westdorf besitzt (Abb. [143]–[148]). Nach der Flut vom Jahre 1825 mußten Dorf und Kirche, die an der Westseite der Insel gelegen hatten, nach deren Mitte übertragen werden.
Norderney ist 13 Kilometer lang und 4 Kilometer breit; an der Südwestecke der Insel erhebt sich das gegenwärtig 3000 Seelen zählende gleichnamige Dorf. In der schönen Sommerszeit ist das unter staatlicher Verwaltung stehende Seebad Norderney ein Modebad im vollen Sinne des Wortes, mit allen Annehmlichkeiten und jedem nur denkbaren Komfort, das Ostende und Blankenberghe in den Schatten stellt. Ein schön und zweckmäßig eingerichtetes Konversationshaus, großartige Gasthöfe, praktische Badehäuser, auch für warme Seebäder, wie sich solche übrigens auch auf der Mehrzahl der anderen ostfriesischen Inseln finden, gut ausgerüstete Verkaufsläden und dergleichen Dinge mehr befinden sich hier. Am nördlichen Strande steht der bekannte Restaurationspavillon, die Giftbude. In Norderney hat der Verein für Kinderheilstätten an den Seeküsten ein zur Aufnahme von 240 Kindern eingerichtetes Seehospiz erbaut, das unter dem Protektorate der Kaiserin Friedrich steht, ebenso ist auf der Insel eine evangelische Diakonissenanstalt zur Heilung skrophulöser Kinder, zwei Unternehmungen, die seit der Zeit ihres Bestehens schon vielen Segen gestiftet und manchem kranken Kinde wieder zur Gesundheit verholfen haben (Abb. [149]–[155]).
Im Osten ist Norderney von 11–15 Meter hohen Dünen bedeckt, im Süden steigt der 54 Meter hohe, einen prächtigen Rundblick gewährende Leuchtturm auf, nördlich davon erhebt sich der höchste Punkt der Insel, die nunmehr mit Helm bepflanzte, früher aber kahle Weiße Düne.