Neige gehenden Lebens, noch etwas Tieferes, als ein von Prüfungen ermattetes Gemüt. Sie war eine jener Typen, die unter Tausenden von unbeachteten, weil charakterlosen Physiognomien uns stutzig machen und nachdenklich stimmen, ebenso wie man zwischen den tausend Gemälden eines Museums gewaltig gefesselt wird durch den erhabenen Kopf, auf dem Murillo den Mutterschmerz gemalt hat, oder durch das Gesicht der Beatrice Cenci, wo Guido über der Tiefe des verbrecherischsten Gemüts die rührendste Unschuld darstellt, oder durch das finstere Antlitz Philipps II., auf dem Velasquez für immer den majestätischen und abschreckenden Ausdruck der königlichen Würde festgehalten hat. Gewisse Menschengesichter sind despotische Bildnisse, die zu uns sprechen, in uns dringen, auf unsere geheimsten Gedanken antworten, ja zu vollkommenen Gedichten werden. Das eisige Antlitz der Madame d'Aiglemont war eine jener furchtbaren Poesien, eins jener Gesichter, die zu Tausenden in der »Divina Comedia« des Dante Alighieri auftauchen.

Während der raschen Blütezeit der Frau, eignen sich die Züge ihrer Schönheit wunderbar zu der Verstellung, die ihre natürliche Schwäche und unsere sozialen Gesetze ihr aufnötigen. Unter dem reichen Kolorit ihres frischen Gesichts, dem Feuer ihrer Augen, dem anmutigen Gewebe ihrer so zarten Züge, so vielfältiger gerader oder gebogener, doch reiner Linien, die ihr alle vollkommen zu Gebote stehen, können alle ihre Regungen geheim bleiben. Wenn die Röte die an sich schon lebhafte Farbe erhöht, so verrät sie dann noch gar nichts; alles innere Feuer mischt sich dann noch so gut in den Glanz dieser lebensvoll strahlenden Augen, daß die flüchtige Flamme

eines Unglücks dort nur als ein Reiz mehr in Erscheinung tritt.

Nichts ist so verschwiegen, wie ein junges Gesicht, weil nichts unbeweglicher ist. Das Gesicht einer jungen Frau hat die Ruhe, die Glätte, die Frische, die die Oberfläche eines Sees zeigt. Der charakteristische Ausdruck fängt bei den Frauen erst mit dreißig Jahren an. Bis dahin findet der Maler in ihren Gesichtern nur Rosa und Weiß, das Lächeln und den Ausdruck, dem immer wieder ein und derselbe Gedanke zugrunde liegt, ein allgemeiner Gedanke ohne Tiefe, nämlich das Bewußtsein der Jugend und der Liebe. Aber im Alter hat alles bei der Frau seine Rolle gespielt, die Leidenschaften haben sich auf ihrem Gesicht eingeprägt, sie ist Liebende, Gattin, Mutter gewesen; die heftigsten Ausdrücke der Freude und des Schmerzes haben ihre Züge entstellt und tausend Furchen gegraben, die alle eine Sprache reden. Dann wird ein Frauenkopf entweder erhaben in seiner Schreckhaftigkeit, schön in seiner Schwermut oder großartig in seiner Ruhe. Wenn es erlaubt ist, dieses sonderbare Gleichnis weiterzuspinnen, so könnte man sagen, der ausgetrocknete See ließe dann die Spuren aller Bäche erkennen, die ihn gebildet hatten. Ein Frauenkopf gehört dann weder der Gesellschaft, die in ihrer Frivolität zurückschreckt vor dem Abbilde der vernichtenden Wirkung, die die geliebten und gewöhnlichen Begriffe von Eleganz und Lebensfreude dort ausgeübt haben, noch gehört er den Alltagskünstlern an, die darin nichts entdecken – er gehört den wahren Poeten, denn sie allein würdigen und erkennen das Schöne unabhängig von dem Herkommen und dem Vorurteil, welchem beiden allein gar vieles seinen Ruf des Schönen und Künstlerischen verdankt.

Obwohl Madame d'Aiglemont einen modernen Hut trug, war doch leicht zu erkennen, daß ihr einstmals schwarzes Haar infolge heftiger Aufregungen weiß geworden war. Aber die Art, wie sie es scheitelte, verriet ihren guten Geschmack, bekundete die anmutigen Gewohnheiten der vornehmen Dame und umrahmte wirksam die welke, gefurchte Stirn, die noch immer Spuren ihres ehemaligen Glanzes aufwies.

Der Gesichtsschnitt, die Regelmäßigkeit der Züge gaben noch heute einen allerdings nur schwachen Begriff von der großen Schönheit, auf die sie einmal hatte stolz sein dürfen; aber noch besser erkannte man daran, wie tief und furchtbar die Schmerzen gewesen sein mußten, da sie dieses Gesicht, diese Schläfen, diese Wangen hohl gemacht und die Augen ihrer Wimpern beraubt hatten, die den Blick so anmutig machen.

An dieser Frau war alles Schweigen; ihr Gang und ihre Bewegungen hatten die ernste, gefaßte Langsamkeit, die immer Ehrfurcht erweckt. Ihre Bescheidenheit, fast zur Schüchternheit geworden, schien die Folge der Gewohnheit, die sie seit einigen Jahren hatte: vor ihrer Tochter in den Hintergrund zu treten. Sie sprach sehr selten und sehr sanft, wie alle Leute, die viel nachdenken, sich sammeln und gezwungen sind, für sich selbst zu leben.

Dieses Benehmen erweckte ein unerklärliches Gefühl, das weder Furcht noch Mitleid war, in das sich aber geheimnisvoll alle Ideen mischten, welche diese einander so entgegengesetzten Regungen auslösen. Die Natur ihrer Furchen, die Art, wie ihr Gesicht sich in Falten gelegt hatte, die Fahlheit ihres Blicks – das alles zeugte dafür, daß sie jene Tränen geweint hatte, die, vom Herzen aufgezehrt, nie zur Erde fallen. Ein Unglücklicher, der gewöhnt

war, zum Himmel hinaufzuschauen, um ihn in den Unbilden seines Daseins anzurufen, hätte leicht in den Augen dieser Mutter gelesen, daß ein grausames Los es ihr zur Gewohnheit gemacht hatte, jede Stunde des Tages zu beten, hätte auch die geheimen Spuren des seelischen Meltaus entdeckt, der alle Blüten des Gemüts, bis hinab auf das Gefühl der Mutterschaft, vernichtet.

Maler haben wohl Farbe für solche Porträts; aber Gedanken und Worte sind nicht imstande, sie getreu zu zeichnen. Es findet sich in den Tönen der Haut und im ganzen Gepräge des Gesichts manches unerklärliche Phänomen, das, vom Auge gesehen, sogleich zur Seele dringt; aber wenn der Dichter eine so furchtbare Veränderung des Gesichtsausdrucks begreiflich machen will, so steht ihm kein anderes Mittel zur Verfügung, als die Ereignisse zu berichten, auf die sie zurückzuführen ist. Dieses Gesicht deutete auf einen Sturm, der sich kalt und in aller Stille abgespielt hatte, auf einen geheimen Kampf zwischen dem Heroismus des mütterlichen Schmerzes und der Unbeständigkeit unserer Gefühle, die, wie wir selbst, ihr Ende finden und nichts Endloses in sich tragen.