»Wenn man die trocknen, widerlichen Register liest, welche die Geschichte genannt werden, so bemerkt man, daß die Schriftsteller aller Länder und Zeiten vergessen haben, uns die Geschichte der Sitten zu liefern. Diese Lücke will ich, soweit es in meinen Kräften steht, ausfüllen. Ich will das Inventar der Leidenschaften, Tugenden und
Laster der Gesellschaft aufstellen, durch das Zusammendrängen der gleichartigen Charaktere Typen geben und mit Mühe und eiserner Ausdauer über das Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts das Buch schreiben, das uns Rom, Athen, Tyrus, Memphis, Persien und Indien leider nicht hinterlassen haben.« Mit diesen Worten leitet er den großen Romanzyklus ein, dem er den Gesamttitel »Menschliche Komödie« gab. Als Sittenschilderer und Kulturhistoriker der genannten Zeitepoche mußte er natürlich zu einem pessimistischen und ausgeprägt materialistischen Ergebnis kommen. Wir sehen daher in seinen Werken fast durchweg den Hunger nach Reichtum als die treibende Kraft wirken. Die Losung der modernen Welt ist nicht die Liebe, sondern das Gold. Der Glaube an den Mammon, die Zuversicht auf die Macht der Millionen sind der einzige Idealismus der Balzacschen Helden, und ohne Zweifel hat der Dichter selbst diesem Glaubensbekenntnis gehuldigt, so furchtbar und unerbittlich auch dieser Durst nach Gold sich uns in seinen Werken darstellt.
Seinen Ausgang nahm Balzac jedoch von der Romantik, und selbst das vorliegende Werk, das neben die modernsten Seelenschilderungen gestellt werden kann, steht mit einem Fuß auf dem Boden der Romantik. Die phantastische Liebe des Engländers zu der Heldin hat allen Duft des »blauen Blümleins« an sich, so realistisch nachher auch das Ende ist. Das mysteriöse Erscheinen des politischen Mörders und Seeräubers im vorletzten Teil ist Romantik reinsten Wassers, und das Kapitel auf dem Korsarenschiff selbst erinnert sogar an Eugen Sue oder an Dumas. Dennoch kann man gerade dem fast übersinnlichen Lord Grenville, der jahrelang
einer idealen Liebe treu bleibt, die Lebenswahrheit nicht absprechen. Dieser sonderbare Schwärmer ist mit bewundernswerter Konsequenz gezeichnet, und trotz allen romantischen Anhauchs eine überaus interessante Gestalt. Der Gegenstand seiner Liebe, die Heldin des Romans, ist eine köstliche Probe für Balzacs Seelenmalerei und vor allem für Balzacs Art, Frauen zu schildern. Er unterscheidet sich in dieser Art, zarte, reine Frauen zu zeichnen, höchst vorteilhaft von einer großen Zahl französischer Schriftsteller, die das Weib als Ausbund von Sinnlichkeit, Leichtsinn und Unbeständigkeit darzustellen pflegen. Mit dieser ›Frau von dreißig Jahren‹ entdeckte er gewissermaßen den Frauentypus für alle seine Romane und eroberte sich damit gleichzeitig die dauernde Gunst der weiblichen Lesewelt; auch dem deutschen Leser wird er durch seine Auffassung der weiblichen Seele zum sympathischsten der französischen Sittenschilderer der neueren Literatur.
Honoré de Balzac wurde am 20. Mai 1799 in Tours geboren, erhielt seine Erziehung auf dem Gymnasium zu Vendôme und in Paris, wurde dann Schreiber bei einem Notar und versuchte schon ziemlich früh, sich ganz auf eigene Füße zu stellen. Von Geburt zum Adel gehörend, fehlten ihm doch die Mittel dieser Gesellschaftsklasse, und er sah sich zu harter Arbeit gezwungen. Zuerst machte er sich allerlei kaufmännische Unternehmungen, buchhändlerische Pläne, Spekulationen in Bergwerken und Bodenkultur, viele große Ideen, auf die er stolz war und die sich doch nicht durchführen ließen – das war das Programm der ersten Zeit, das mit einem großen Fiasko endigte und ihn zu einem ständigen Klienten des Gerichtsvollziehers machte. Dann legte er sich auf die Schriftstellerei, doch zuerst auch ohne Erfolg. Mit dem Erscheinen
des »Chouan« im Jahre 1829 wurde er ein berühmter Mann, und von nun an schrieb er mit großem Fleiß und wachsendem Glück (einmal dreißig Bände in drei Jahren). Während seines arbeitsreichen Lebens verfaßte er neunzig Romane und Novellen, die zusammen 120 Bände bilden. Aber zu Reichtum brachte er es dennoch wohl nicht; denn obwohl er viel Geld durch seine Werke verdiente, gab er auch mit ebensolcher Leichtigkeit Riesensummen aus, der Luxus war ihm zum Leben unentbehrlich. Seltsamerweise hatte er dabei die Angewohnheit, sich während der Arbeit in ein härenes Gewand zu kleiden, das durch einen Strick um den Leib zusammengehalten wurde. Im Leben war er Freund des Aufwandes und der Genüsse, in der Arbeit tat er den Mantel der Aszese an. Das war bei ihm nicht so ganz äußerlich, wie es auf den ersten Blick erscheint; denn in seinen Werken ist er über allen Tand der Welt erhaben und kritisiert scharf und vernichtend alle Leerheit des Lebens, alle Albernheiten des Menschengeschlechts, alle Nichtigkeit der Gesellschaft. Die größte Zeit seines Lebens brachte er in Paris zu – seine Gattin, eine Frau von Hanska und geborene Gräfin Eveline Rzewuska holte er sich aus Rußland – doch schon im Jahre seiner Verheiratung (1850) starb er. Als seine Hauptwerke gelten: »Physiologie der Ehe«, »Der Chouan«, »Der Chagrin«, »Die Frau von dreißig Jahren«, »Die Lilie im Tal«, »Die Erforschung des Absoluten«, »Cäsar Birotteau«, »Eugenie Grandet«, »Vater Goriot«, »Ein Junggesellenheim« und sein letzter Roman »Die armen Verwandten«. Sein Theaterstück »Mercadet« erscheint noch heute hin und wieder auf der Bühne.
W. H.