Seine Tugenden kamen ihm ebenso zustatten wie seine Fehler. Seine Tapferkeit brachte ihm einen hohen Ruf als Soldat ein, der auch durch nichts Lügen gestraft wurde, weil er nie selbständig kommandiert hatte. Sein männliches, edles Gesicht ließ große Gedanken vermuten, und seine Physiognomie hatte für niemand, außer seiner Frau, etwas Hohles. Indem Marquis d'Aiglemont alle Welt seine unechten Talente loben hörte, glaubte er schließlich selbst daran, daß er einer der hervorragendsten Männer bei Hofe sei, wo er dank seinem Äußeren zu gefallen wußte und niemand seine verschiedenen Vorzüge bestritt.
Trotzdem war Herr d'Aiglemont zu Hause bescheiden. Er fühlte instinktiv die Überlegenheit seiner Frau, so jung sie auch war; und aus diesem unwillkürlichen Respekt erwuchs eine geheime Macht, zu der die Marquise wider den eigenen Willen gelangte, so sehr sie sich auch sträubte, die Bürde auf sich zu nehmen. Als Ratgeberin ihres Mannes lenkte sie dessen Handlungen und verwaltete das Vermögen. Dieser fast widernatürliche Einfluß wurde für sie zu einer Art Demütigung und brachte viele Schmerzen mit sich, die sie in ihrem Herzen begrub. Zuerst sagte sie sich in ihrem echt weiblichen Instinkt, es
sei weit schöner, einem talentvollen Manne sich unterzuordnen, als einen Tropf zu regieren, und eine junge Frau, die wie ein Mann denken und handeln müsse, sei weder Frau noch Mann, bliebe wohl frei von den Mißständen des Weibes, sage dabei aber doch allen Freuden ihres Geschlechtes ab. Und bei dem allem erreiche sie doch keines der Vorrechte, das unsere Gesetze dem stärkeren Geschlecht einräumen.
Hinter ihrem Leben verbarg sich ein recht bitterer Hohn. Mußte sie nicht zu einem hohlen Götzen beten, ihren Protektor protegieren, einen armseligen Menschen, der ihr zum Lohn für beständige Aufopferung die egoistische Liebe der Ehemänner zuwarf, in ihr nichts als das Weib sah. Entweder aus Unwissen oder aus Gleichgültigkeit beging er das tiefe Unrecht, daß er sich weder darum kümmerte, was ihr Freude mache, noch sich darum sorgte, weshalb sie immer so traurig sei und so auffallend abnehme.
Wie die meisten Ehemänner, die das Joch eines überlegenen Geistes verspüren, schloß der Marquis, um seine Eigenliebe zu retten, aus Juliens physischer Schwäche auch auf moralische Schwäche, und klagte gern das Geschick an, das ihm ein kränkliches Mädchen zur Frau gegeben hätte. Kurz, er stellte sich als das Opfer hin, während er doch der Henker war.
Die Marquise, auf der alles Elend dieses tristen Daseins lastete, mußte ihren blöden Gebieter noch anlächeln, noch mit Blumen ein Trauerhaus ausschmücken und vor einem von geheimem Jammer blassen Gesicht die Maske des Glücks tragen. Diese Verantwortlichkeit für die Ehre des Hauses bei großartiger Selbstverleugnung verlieh der jungen Marquise unmerklich eine frauliche
Würde, ein Bewußtsein der Tugend, die ihr zum Schutzwall gegen die Gefahren der Welt dienten. Und wenn wir dieses Herz bis auf den Grund erforschen wollen, so hatte vielleicht das tiefinnere, verborgene Unglück, mit dem ihre erste, ihre naive Jungmädchenliebe endete, ihr Abscheu vor der Leidenschaft eingeflößt; vielleicht begriff sie nie den hinreißenden Trieb, noch die verbotenen, doch berauschenden Freuden, über die gewisse Frauen die Gesetze der Klugheit vergessen, auf denen die Gesellschaft beruht.
Sie verzichtete wie auf einen Traum auf die sanften Freuden, auf die zarte Harmonie, die Madame de Listomere-Landon in ihrer langjährigen Erfahrung ihr verheißen hatte; sie wartete mit Ergebung auf das Ende ihrer Schmerzen, indem sie jung zu sterben hoffte. Seit ihrer Rückkehr aus der Touraine war ihre Gesundheit täglich schwächer geworden, und das Leben schien ihr nur noch durch das Leiden zugemessen zu sein – ein vornehmes Leiden übrigens, eine dem Anschein nach fast wonnevolle Krankheit, die in den Augen oberflächlicher Menschen für die Grille eines Hausdämchens gelten konnte.
Die Ärzte hatten die Marquise dazu verurteilt, auf einem Diwan zu liegen, wo sie sich mit Blumen umgab und nun dahinsiechte wie diese. Ihre Schwäche verbot ihr das Gehen und den Aufenthalt in frischer Luft; sie fuhr nur noch im geschlossenen Wagen aus. Beständig umgeben von allen Wundern unsers Luxus und unserer modernen Industrie, glich sie weniger einer Kranken als einer blasierten Königin. Einige Freunde, die ihre Krankheit und Schwäche entzückend fanden und vielleicht auch bestimmt darauf rechneten, daß sie in Zukunft wieder ganz gesund würde, besuchten sie, denn sie waren ja
immer sicher, sie zu Hause zu treffen, brachten ihr alle Neuigkeiten und unterrichteten sie über die tausend kleinen Ereignisse, die das Leben in Paris so abwechslungsreich machen.