Zwei Jahre verstrichen. Herr und Frau d'Aiglemont führten das Leben der Leute von Welt, jeder ging seines Weges, und in den Salons fremder Leute trafen sie sich öfter als im eigenen Heim. Eine solche vornehme Scheidung ist das Ende sehr vieler Ehen in der großen Gesellschaft.
Eines Abends befanden sich die Eheleute seltsamerweise im eigenen Salon beisammen. Frau d'Aiglemont hatte eine ihrer Freundinnen zu Tisch gehabt. Der General, der sonst immer in der Stadt speiste, war zu Hause geblieben.
»Sie werden recht glücklich sein, Frau Marquise,« sagte Herr d'Aiglemont und setzte die Tasse, aus der er eben seinen Kaffee getrunken hatte, auf den Tisch.
Der Marquis sah mit halb trauriger, halb boshafter Miene Madame de Wimphen an und setzte hinzu:
»Ich fahre zu einer langen Jagd – zusammen mit dem Oberjägermeister. Sie werden mindestens acht Tage lang vollkommen Witwe sein. Das ist ja so Ihr Fall. Denk' ich wenigstens. – Wilhelm,« sagte er zu dem Diener, der die Tassen wegtrug, »lassen Sie anspannen.«
Frau de Wimphen war jene Luise, der Frau d'Aiglemont einst den Rat hatte geben wollen, unverheiratet zu bleiben. Die beiden Frauen warfen sich einen verständnisinnigen
Blick zu, der bewies, daß Julie in ihrer Freundin eine Vertraute ihrer Schmerzen, eine kostbare und barmherzige Vertraute gefunden hatte; denn Madame de Wimphen war sehr glücklich verheiratet. Da sie sich in entgegengesetzter Lage befanden, bildete vielleicht das Glück der einen eine Bürgschaft dafür, daß sie sich der andern und ihres Unglücks annehmen werde. In ähnlichen Fällen ist Verschiedenheit des Schicksals fast immer ein mächtiges Freundschaftsband.
»Ist denn jetzt Jagdzeit?« fragte Julie, einen gleichgültigen Blick auf ihren Gatten werfend.
Es war Ende März.
»Madame, der Oberjägermeister jagt, wann er will und wo er will. Wir pirschen in königlichen Forsten auf Wildschweine.«